Venezuela – Versuch einer Kurzeinsicht in die bolivarianische Republik


Bevor ich auf den Kooperativendachverband CECOCESOLA eingehe möchte ich zuerst etwas über die derzeitige Lage im Land berichten. Vor allem um zu zeigen unter welchen Bedingungen hier weitergearbeitet wird, während zwischen 3 und 4,5 Millionen Landsleute emigriert sind in den letzten zwei Jahren. Angeblich machen 30% ihre Papiere fertig um das Land zu verlassen. Bis die Reisepässe ausgestellt werden kann das anderthalb Jahre dauern. Niemand weiß ob da eine Regierungsstrategie hintersteckt oder z.B. ob die Chips importiert werden müssen und nicht geliefert oder bezahlt werden können. Oder alles zugleich. Ein wenig erinnert das an die Auswanderungsangst in der frühen DDR vor dem Mauerbau.

Ökonomie

Die Inflationsrate lag jetzt eine Weile bei ca. 3% täglich. Mittlerweile sind die Dollars die ich mitnahm etwa 8 mal soviel Bolivares wert, wie als ich ankam. Um einen Eindruck zu vermitteln was das konkret bedeutet: Ein halbes Kilo Käse kostet einen CECOCESOLA Angestellten mindestens 3 Tageslöhne. Wobei in CECOCESOLA nicht von Löhnen gesprochen wird, sondern von „Anticipios“, d.h. dem Vorschussanteil auf den zu erwartenden Gesamtgewinn. Diese werden zur Zeit wöchentlich angepasst. Der Anticipio liegt derezeit etwa beim vierfachen des Mindestlohnes im Land nach Angaben eines Kooperativenmitglieds. D.h. jemand mit einem 10€ Stundenlohn in Deutschland kann in einer Stunde soviel verdienen, wie ein CECOCESOLAner in einem Monat.

Es gab ein Umfrage in der 1,25 Millionen Stadt Barquesimeto in der ich mich gerade befinde, in der die auf den Märkten von CECOCESOLA einkaufenden angaben 90% ihres Einkommens dort zu lassen, hauptsächlich in Lebensmitteln. Nach eigenen Berechnungen von CECOCESOLA liegt ihr Marktanteil beim Gemüse bei etwa 35%. Das heißt über 350.000 Menschen die in Barquesimeto bei CECOCESOLA einkaufen geben 90% ihres Einkommens für Lebensmittel aus.

Das Benzin kostet hier fast gar nix: Eine Tankfüllung kostet 5 Bolivares. Für einen Dollar (etwa 90cent) bekommt man gerade ca. 6000 Bolivares. Man kann also mittlerweile 1200 Tankfüllungen für 90 Eurocent machen. Ein kg Gemüse auf den durchschnittlich 30% billigeren CECOCESOLA Märkten kostet entweder 450, 900 oder 1200 Bolivares, je nach Zustand und Sorte.

Die Kooperativisten verdienen hier gerade etwa 1200 Bolivar am Tag. Manche Produkte sind günstig, Trinkwasser aber z.B. können 25l locker 250 Bolivar kosten. Viele haben also Filter an ihr Leitungswasser angeschlossen. Immer häufiger kommt es zu Engpässen in der Gasversorgung in Form von Gasflaschen. Auch Wasserknappheit wird zum Problem.

Eines der Hauptnahrungsmittel sind arepas, die aus Maismehl gebacken werden. Importgüter wie Haferflocken sind dagegen unbezahlbar: Ein Kilo kostet mehrere Tageslöhne. Faustregel ist, dass alles was nicht aus Venezuela kommt gar nicht mehr bezahlbar ist.

Alles diese Zahlen sind morgen schon wieder überholt.

Politik

Venezuela ist politisch gesehen nicht erst seit Hugo Chavez eine gespaltene Gesellschaft. Ich will hier wirklich nur in aller Kürze die Situation umreißen.

1999 bis zu seinem Tode 2013 versuchte Hugo Chavez als gewählter Präsident das, was ihm als Putschist im Movimento Bolivariano Revolucionario 200 Anfang der 80er Jahre nicht gelang: Ein Umverteilung des Reichtums der Schlüsselindustrien durch deren Verstaatlichung. Venezuela ist rohstofftechnisch eines der reichsten Länder der Welt. Es gehört zu den erdölreichsten 5 Ländern und ist auch reich an seltenen Erden und Metallen, wie z.B. Kobalt. Die Faustregel des (neo)kolonialistischen Zeitalters trifft auch hier zu: Je mehr Rohstoffe ein Land des globalen Südens besitzt, desto größer die Gefahr der Armut und der Korruption für den Großteil der Bevölkerung. Ich möchte hier an das 1971 erschienene Klassiker Buch „las venas abiertas de America Latina“ des Uruguayers Eduardo Galeano erinnern. Heute wird viel der Begriff des „extractivismo“ verwendet. Dieser umfasst das gesamte System der Erschließung des globalen Südens zum schnelleren gewinnen und heraus transportieren von Ressourcen.

Chavez scheiterte Anfang der 90er Jahre mit einem Putschversuch, der ihn allerdings berühmt und bei vielen beliebt machte. Nachdem er seine Strafe abgesessen hatte wurde er 1999 zum Präsidenten gewählt. Er berief sich auf das Erbe Simon Bolivars und kämpfte in diesem Geiste für die Unabhängigkeit seines Landes und seines Kontinents von den Kolonialmächten. Seine Maßnahmen dazu waren und sind extrem umstritten. Seine Idee Basisorganisationen auf allen Ebenen zu fördern konnte er mit den hohen Ölpreisen der 2000er Jahre fördern. Vielerorts entstanden die auch teilweise noch bestehenden consejos communales (kommunale Räte), sowie Kooperativen. Diese wurden wohl auch oft ausgenutzt (Korruption von unten). Auch sein autoritärer Regierungsstil und sein Umgang mit Oppositionellen, sowie seine Verträge mit Dispoten standen in der Kritik. Bei aller gerechtfertigter Kritik, muss natürlich auch auf das drohende Gewaltpotential von außen hingewiesen werden, denn Venezuela ist der Ölproduzent vor den Toren der USA. Die Verstaatlichung dieser Industrien erzeugte viel Widerstand. Auf privaten Fernsehsendern wurde offen zur Tötung des Präsidenten aufgerufen werden. Erst nach Jahren wurde dies durch die nicht Verlängerung der Sendelizenzen unterbunden. Kaum vorstellbar in Deutschland. Wieviel Minuten würde es wohl dauern bis interveniert wird, wenn auf RTL durch die Nachrichtensprecherin zur Tötung Merkels aufgerufen würde?

Zu dem misslungenen Putsch gegen Chavez habe ich vor Jahren mal diese Doku gesehen und finde sie unterhaltsam und sehenswert: https://www.youtube.com/watch?v=QXOmJPHny3g

Sicher ist, das der nur für wenige Stunden ins Amt geputschte Präsident Pedro Carmona neben der Unterstützung durch einige hohe Offiziere, sowie Teile der oberen Klasse, gute Kontakte in die USA hatte und sogar ein paar Monate vorher im weißen Haus empfangen wurde. Chavez Freilassung und seine Wiedereinsetzung zur Vollendung seiner Amtszeit als Präsident wurde auch durch die anderthalb Millionen Menschen erreicht, die vor dem Präsidentenpalast demonstrierten.

Erwähnt werden muss auch, dass die bolivarianische Verfassung vielleicht die in vielerlei Hinsicht fortschrittlichste ist, die es auf diesem Planeten gibt. Sie wird nur wie so oft nicht mit Taten gefüllt.

Chavez‘ Erbe

Offensichtlich ist aus heutiger Perspektive jedenfalls das desaströse Erbe seiner ökonomischen Politik. Von manchen Venezuelanern mit denen ich sprach wird ihm eine zu kurzfristig gedachte ökonomische Strategie vorgeworfen und ein zu großer Idealismus ohne fachliche Kompetenz. Zu wenig sei für die Unabhängigkeit vom Mineralöl getan worden obwohl mit einem Sinken der Barrelpreise hätte gerechnet werden müssen. Aber auch in diese Schlüsselindustrie selbst wurde zu wenig investiert. Die Fördermengen sinken immer weiter, was natürlich auch mit dem Abwandern von Fachkräften, den Ingenieuren, bzw. der Intelligenz überhaupt zu tun hat.

Heute: Maduro

Wurde dem Regime unter Chavez schon Korruption vorgeworfen, so ist es mit seinem Nachfolger Nicolás Maduro noch extremer. Seine populistische Politik besteht unter anderem darin Erhöhungen des Mindestlohns anzukündigen und Sonderzahlungen ausschütten zu lassen an Inhaber des „carnet de la patria“ (Vaterlandsausweis). Dies führt jedes mal direkt zu einem weiteren Ausufern der Inflation, da, wie jeder hier weiß, die Geldscheine dafür gedruckt werden. Die Korruption hat derartige Ausmaße angenommen, dass überall vom Raub durch die politische Klasse geredet wird. Was das bedeutet konnte ich am Beispiel einer Gemüseauslieferung mit einem Lastwagen miterleben. Etwa alle 25 km wurden wir von Polizisten angehalten und bei der Kontrolle der Frachtpapiere lag immer ein 50 Bolivarschein drin.

Die Haltung der Bevölkerung zur nationalen Politik

Zusammengefasst kann von einer nahezu völligen Apathie gesprochen werden. Ein Einwirken auf die große Politik gibt es nicht. Nach einer Periode der Begeisterung für und des Kampfes gegen Chavez scheint mir dies wie eine Art ernüchterte Reaktion. Leider gibt es aus dieser Starre heraus bei keiner der Menschen mit denen ich geredet habe eine Vision von politischer Veränderung. Mensch wartet auf den Untergang, auf einen Putsch, auf einen Heiland oder irgendein Wunder. Sich durchwurschteln ob individuell, familiär oder anderweitig kollektiv scheint in der Post-Chavez Ära die Grundhaltung zu sein.

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