CECOCESOLA

Hallo liebe Blog Besucher,

Am Freitag den 4.1. habe ich mich auf den Weg gemacht, um einen Kooperativendachverband in Venezuela kennen zu lernen: CECOCESOLA. Für einen kleinen Einblick ist dieses Filmchen gut geeignet: https://www.youtube.com/watch?v=iM0ti-5Rh7E

Warum das jetzt? Lest weiter…

Hier der Plot für die Reise, in den folgenden Wochen folgen die Ergebnisse…

Herleitung meines Erkenntnisinteresses: Die Lage in der solidarischen Landwirtschaft in Deutschland 2019

Die Bewegung der solidarischen Landwirtschaft in Deutschland kann ein exponentielles Wachstum neuer Initiativen verzeichnen. Das ist ein Grund zur Freude. Gleichzeitig stellt uns das vermehrte

Entstehen von Initiativen vor neue Herausforderungen. Wir müssen nun anfangen nicht mehr nur über die Beziehungen innerhalb unserer Solawis nachzudenken, sondern auch über die Beziehungen zwischen den Solawis. Mit unserem Modell der solidarischen Finanzierung haben wir es in verschiedenen Inititativen geschafft die Härten des Marktes für Produzenten und Mitglieder erheblich abzumildern. Dazu tragen wesentlich unsere lokalen Vertrauensbeziehungen bei. Wir haben also die unsichtbare Hand des Marktes weitgehend abgeschafft innerhalb unserer Projekte. An Orten mit mehreren Höfen stellt sich aber vermehrt die Frage wie diese ökonomisch voneinander unabhängigen Einheiten zueinander stehen. Durch Bewusstseinsarbeit in der Bevölkerung können wir neue Kreise von Mitgliedern erschließen und es muss auch unser aller Ziel sein, dass wir uns nicht mit unseren Inseln begnügen. Allerdings zögert auch eine erfolgreiche Gewinnung von neuen potentiellen Solawimitgliedern lediglich den Zeitpunkt hinaus, an dem die Höfe in der Lage sind mehr zu produzieren als die potentiellen Mitglieder benötigen. Anders gesprochen: Der Moment an dem die Solawis mehr anbieten als nachgefragt wird kommt früher oder später an jedem Ort. Es ist wichtig, dass wir uns an diesem Punkt durch die vielerorts bestehenden Nischenbedingungen nichts vormachen: auf der Ebene der Ökonomie stehen sich die Solawis strukturell betrachtet als Konkurrenzbetriebe gegenüber.

Aus einer amerikanischen Kleinstadt mit sechs CSAs (mehr oder weniger das angelsächsiche Pendant zur Solawi: CommunitySupportedAgriculture), hörte ich schon vor ein paar Jahren die Geschichte, dass dort die Produzenten sich den wandelnden Launen ihrer Mitglieder ausgesetzt sehen. Letztere wechseln zwischen den Projekten je nach Angebot. Zwar wird nicht das einzelne Produkt zur Ware, aber die Projekte als Ganzes. „Ich hätte gerne das Produkt Solawi A“. Hinter unserem Rücken hat er sich dort also wieder breitgemacht, der Marktplatz mit all seinen negativen Folgen.

Wir müssen also beginnen uns Gedanken über den Umgang mit dieser Situation zu machen, wenn wir nicht früher oder später wieder auf dem Marktplatz landen wollen. Kooperativen mit dem Selbstverständnis Teil einer kollektivistischen sozialen Bewegung zu sein können dabei schnell ins Boot geholt werden. Aber auch Solawis, bei denen eher eine Selbstverwirklichung im Vordergrund steht können sich davon überzeugen, dass eine Marktsituation letztlich alle früher oder später gängelt. Bald entsteht bei der Bevölkerung in diesem Lande eine Idee davon was die geschellschaftlich notwendige Durschnittsarbeit ist, die in einer Portion Solawi-Gemüse steckt. Jetzt können wir sagen, „aber es gibt doch nicht DIE Portion Solawi-Gemüse, da jede Solawi einzigartig ist“. Sicher ist das so, aber jede Abweichung wird durch Agitation, böse gesprochen „Werbung“, erklärt werden müssen. Abgesehen von dem mehr an Energie was dafür drauf geht, ist der Erfolg auf Dauer fraglich und das Pimpen der Selbstbeschreibung ist bereits Teil eines Konkurrenzkampfes. Dann zwingt uns „der Markt“ Rationalisierungsmaßnahmen auf, die uns die zeitlichen Spielräume für Reflektionen im Team oder bspw. selbst produzierten Kompost schließen. Anders gesprochen: Von den drei Säulen, die die solidarische Landwirtschaft in meinem Denkmodell ausmachen und ohne die sie nicht bestehen kann: Ökonomie, Ökologie und das Soziale, bliebe am Ende nur die Ökonomie, d.h. das betriebswirtschaftliche Denken übrig. Damit würde sich die solidarische Landwirtschaft von innen heraus selbst abschaffen (müssen!).

Warum gebe ich der Säule Ökonomie so viel Raum?

Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir haben in einer gut funktionierenden solidarischen Landwirtschaft Faktoren, die die Merkantilisierung bremsen oder Zeitweise in Schach halten können und das gewährt uns einen kleinen aber sehr wertvollen Schutz. Da wären z.B. die persönlichen Vertrauensbeziehungen, die Identifikation mit dem Projekt durch die eigenen Mühen, die hineingesteckt wurden, eine gemeinsame Geschichte und damit zusammenhängende Loyalitätsgefühle. Dieses soziale Gefüge braucht aber zum Einen lange Zeit zu wachsen und beständige Pflege und zum Anderen können nahezu alle Solawis ein Lied vom Wechsel ihres Mitgliederstammes singen. Für neu entstehende Solawis, und vor allem um die geht es, können wir kaum mit den obigen Schutzfaktoren rechnen. Leider ist die ökonomische Seite eines neuen Projektes das am schnellsten, simpelsten und eingängigsten kommunizierbare. Ökologisches Bewusstsein und soziales Bewusstsein benötigen mehr Zeit. Die Marktlogik trifft also neue Projekte zuerst und am härtesten. Ohne Frage ist dies extrem ungünstig gerade für die Entwicklungsphase, in der die Gewichtung zwischen den drei Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales intern ausgehandelt wird. Wir können es uns also folglich nicht leisten, uns auf unseren Schutzmechanismen auszuruhen. Das hat nichts mit einem Misstrauen in soziale Beziehungen zu tun, sondern ist Ergebnis langjähriger Erfahrungen, die zeigen wie lange stabile soziale Beziehungen brauchen um über einen kleinen Kreis hinaus zu wachsen. Wir stehen ganz am Anfang und unser Ausgangspunkt sind wir selbst mit unserer modernen westlich, bürgerlichen Individualkultur. Nebenbei bemerkt: 70 Jahre „soziale Marktwirtschaft“ haben dafür ein anderes Saatbett hinterlassen, als der „real existierende Sozialismus“. Damit soll kein Zwangskollektiv gehuldigt sein, wohl aber die schädigende Wirkung individualistischer Wirtschaftswunder kritisiert.

Welche Strategien gibt es die ökonomische und soziale Vereinzelung einzudämmen oder gar zu verhindern?

In Deutschland gibt es da beispielsweise das Kasseler Modell. Mehrere Betriebe beliefern dort die Verteilstationen eines Vereins gemeinsam, bzw. im Wechsel. Es gibt Absprachen über Gemüsesorten und andere Produkte, um eine Ergänzung des Sortiments zu erreichen. Im Prinzip kauft eine kollektive Instanz (in diesem Falle ein Verein) alles auf, schnürt es zu einem Paket zusammen und gibt es nur als ganzes weiter an die einzelnen Endabnehmer. Dadurch gibt es ganz praktisch keine wirtschaftliche Konkurrenz zwischen den Solawis. Der Fokus liegt bei ihnen allerdings eher weniger auf der direkten Bekanntschaft von Produzenten und Mitgliedern. So gibt es kaum Arbeitseinsätze auf den Betrieben und zumindest sind die Mitglieder nicht klar einem Betrieb zuzuordnen. So mein Eindruck. Ich würde hier zumindest die Frage wagen, ob in diesem Modell ausreichend sozialer Kitt zwischen Mitgliedern und Produzenten entsteht um Krisensicherheit zu gewährleisten. Schließlich werden die Mitgliedschaftsverträge mit einem zentralen Verein geschlossen und nicht direkt mit einzelnen Höfen. Und wenn wir auf dem Weg zu einem Modell nachhaltiger, enkeltauglicher Landwirtschaft sind ist Krisensicherheit kein unwesentliches Kriterium. „Willst du deine Solawi tragen, in guten wie in schlechten Tagen?“ …das Eingehen verbindlicher Beziehungen ist heutzutage als revolutionärer Akt zu verstehen. Wenn wir uns also für Zusammenschlüsse von Solawis entscheiden stellt sich die Frage danach, wie wir der Anonymität vorbeugen können um den sozialen Kitt nicht zu lösen, den wir zuvor so mühsam hergestellt. Das Kasseler Modell ist also keineswegs zu verwerfen, aber es ist auch noch nicht so ganz rund.

Fragestellung

Wie organisiert der Kooperativen Dachverband CECOCESOLA das Zusammenwirken der verschiedenen Argarkooperativen? Im Bezug auf welche Größen gibt es Absprachen zwischen den Agrarkooperativen und welche Dinge bleiben Sache der einzelnen Kooperative?

Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Vor- und Nachteilen, die ihre Organisationsformen mit sich bringen.

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