1. Ergebnispräsentation der CECOCESOLA Reise Januar 2019

Hier findet ihr die Präsentation, die ich im Rahmen des Openspace auf der Frühjahrestagung des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft hielt. Sie fasst erste Ergebnisse meiner Reise in Bezug auf die Organisation der Kooperativen zusammen. Bald folgen hier noch die Ideen, für konkrete Kooperationsformen zwischen Solawis in Deutschland.

Barrinas – Cooperativa Afinco

Wandbild in der Markthalle der Kooperative in Barrinas: „Organisiert bauen wie eine solidarische Welt“


KURZ VORWEG: Ich bin wieder heile in Deutschland angekommen gestern 😉

Barrinas ist ein Bundesstaat und liegt ein Stück südlich von Barquesimeto und seinem Bundesstaat Lara. Nach einem Treffen von Produzenten und den Märkten konnte ich mit einem LKW dorthin mitfahren. Die Kooperative hat in dessen Haupstadt Barrinas eine kleine Markthalle. Es wird also ein Teil der Produkte lokal vermarktet und ein weiterer bis nach Barquesimeto gebracht. Es ist also eine partielle Kooperation mit CECOCESOLA. Die zugehörigen Produktionsstätten sind auf zwei Orte aufgeteilt. Die Fincas tragen die Namen Abya Yala (unser Paradies) und Mama Pancha (Mutter Erde). Beide arbeiten ohne Chemie. Ich war zu Gast in Mama Pancha im beständig 35 Grad heißen Flachland. Teilweise Steppenhaft, aber mit ausreichend Grundwasser und einer einmonatigen Regenperiode im Juli.

Mama Pancha

Die Kooperative ist in den letzten Jahren sechs mal beraubt worden. Es wurden vitale Produktionsmittel geklaut: z.B. Teile des Traktors und eine Wasserpumpe. Diese stets bewaffneten Überfälle haben auch in der Nachbarschaft statt gefunden. Es wird also hier bei der armen Bevölkerung geraubt. Möglich, dass der schwere Zugang zu Saatgut und der plötzliche Wegfall der Option Gift aufgrund der hohen Preise seinen Teil dazu beigetragen hat.

In Mama Pancha lag der Fokus auf den 20 Kühen. Die gesamte Milch wird in Käse verwandelt. Aufgrund der gerade begonnenen Trockenzeit und der daraus resultierenden geringeren Milchmengen, werden täglich nur 1,5 kg Käse hergestellt. Davon sind schätzungsweise bis zu 500g Eigenbedarf. Das Melken, auf die Weide treiben und wieder rein holen kostet die zwei zuständigen „Jungs“ (19 und 21 Jahre) etwa 7 Stunden täglich. Dazu kommt nochmal etwa eine gute Stunde für den Käse. In der Stadt kostet 1kg Käse mehrere CECOCESOLA Tageslöhne. In Anbetracht der recht günstigen Transportkosten ist Käseproduktion also trotz des Aufwands ein lukratives Geschäft.

Zitrusfrüchte

Pampelmusen, Limonen, Zitronen, Mandarinen und Organgen bilden das zweite Standbein auf mehreren Hektar. Ab und zu werden die Kühe hier rein gelassen. Sie fressen nicht nur den Bodenbewuchs, sondern knabbern die unteren Äste der Zitrusbäume ab. Dies verjüngt die Bäume, da sie an den Verbissstellen neu austreiben. So werden die Bäume auch etwas gedüngt. Härteres Buschwerk muss allerdings mit der Machete entfernt werden.

Gemüse

Da hybrides Saatgut gekauft wird (anderes ist landesweit quasi nicht zu bekommen), gibt es nur importiertes Saatgut. Das muss in Dollar bezahlt werden und ist damit so teuer, dass es diese Saison kaum leistbar war. So gibt es nur Frühlingszwiebeln und Auberginen. Ich habe begonnen die Beete mit ausreichend vorhandenen Bambusblättern abzudecken. Es gab Bekundungen das auszuweiten. Mulchen lohnt sich bei derart trockenem Klima und der gnadenlosen Sonnenstrahlen umso mehr.

Zwischen 25 und 30 Grad liegt nämlich die kritische Grenze für die Mikroorganismen. Wird es heißer sterben sie ab. Auch das Wurzelwachstum der nicht tropischen Gemüsesorten wird dann verlangsamt, was wiederum zu einem Stoffwechselproblem in den Pflanzen führt. Die Blätter wachsen schneller, doch der von ihnen Produzierte Zucker kann von den Wurzeln nicht schnell genug assimiliert werden. Diesen Zuckerstau wittern die Schädlinge und der Befall wird wahrscheinlicher. Es gibt sicherlich unzählige andere Faktoren warum der Schädlingsdruck in den Tropen höher ist, die hohen Bodentemperaturen sind sicherlich einer der Beeinflussbar ist.

Düngungskonzept

Der Nachbarbauer nutzt für seine Platanosstauden (Kochbananen) das gleiche Düngungskonzept wie Abya Yama: Canavalia, eine Strauchartige Leguminose. Von dort habe ich etwas Saatgut mitgenommen… ich bin gespannt wie sie ab friert nächsten Winter 😉

Der Boden ist extrem sandig. Auf den Weiden wenige hundert Meter weiter reiner Ton.

Durch das aufbringen einer dicken Kuhmistschicht haben sie innerhalb kürzester Zeit einen lockeren nährstoffreichen Boden geschaffen. Allerdings ist diese Praxis eher fragwürdig. Der Kuhmist ist ohne Einstreu und muss auch deshalb nach dem direkten Ausbringen auf die Beete einen Monat lang ausgespühlt werden, da er viel zu agressiv ist. Natürlich wird dabei extrem viel Nitrat ins Grundwasser gespühlt. Auch wegen der Tiergesundheit habe ich ihnen empfohlen, auch wenn es mehr Arbeit ist, Einstreu zu verwenden und den Mist vor der Ausbringung mit weiterem Kohlenstoff zu verkompostieren. Auch die Einbringung von Ton in den Kompost wäre kein Problem, da dieser auf den Tierpfaden der Weiden schon in trockener Form vorhanden ist. Ansonsten stehen die Tiere auch wenn es recht windig ist in ihrem eigenen Amoniak. Auch dabei geht, mal abgesehen von den für die Ozonschicht schädlichen Gase, wertvoller Stickstoff verloren, anstatt ihn für die umsetzung von Kohlenstoff (z.B. Stroh) zu nutzen. Noch besser ist eigentlich Lignin, welches von Pflanzen in Eurpa etwa ab dem 30.Juni in junge Triebe eingelagert wird. Das kennt mensch als „Verholzung“. So kann noch mehr Stickstoff gebunden werden und vor allem bleibt der Humus länger stabil. Noch länger hält sich Pflanzenkohle, sie ist zwar selbst nicht Humus, da sie quasi unzersetzbar hart ist, stellt aber ein extrem wichtiges Speicherwerkzeug dar. Sie speichert Wasser, Nährstoffe und bildet für Mikroorganismen eine sichere Basis, in die sie sich zurück ziehen können. Wichtig ist allerdings das Aufladen der Kohle mit diesen Bestandteilen vor der Ausbringung, da sie ansonsten wie ein Schwamm wirkt. Schade, dass ich nicht auf Abya Yala war. Dort wurde unter anderem auch damit viel experimentiert und ein kleines fruchtbares grünes Paradies aus dem Boden gestampft.


Hier ist die Kochstelle zu sehen. Ich habe den Rost gegen einen umgedrehten Topf getauscht. In ihm sind etwa 20 Auberginen, die mit einem kleinen Feuerchen rings herum innerhalb von 30 Minuten durchgegart waren. Sie ließen sich nach dem Entfernen der Schale zu einem leckeren Auberginenmus verarbeiten. Vielleicht beginnen sie jetzt ihre Auberginen zu essen 😉

Bokashirezept von Abya Yala

Diese wertvolle Bodenaktivator- und Düngerproduktion kann jeder zu Hause machen!
Zutaten: 25l frische (!) Kuhfladen (Meine Annahme: weil Mikrobiologische Flora des Kuhdarms noch aktiv), 4-5kg Asche, Zuckerrohrmelasse (besser als Zucker weil Mineralienhaltig, dient als Nahrungsmittel für die Mikroorganismen), 8l Molke, 30kg zerkleinerte Leguminosen, Bananenstamm (weil extrem Kaliumhaltig)

Variationen: Das Rezept funktioniert auch ohne tierischen Dünger, und grundsätzlich gilt: je mehr Eiweiß wie Essensreste oder Leguminosen, desto mehr Stickstoff. Mensch kann auch das Gärbehältnis mit etwas essig desinfizieren und diesen gleich mit drin lassen, das begünstigt das umkippen des Prozesses in richtung Fermentation. Zuckerrübenmelasse funktioniert natürlich auch.

Die traditionelle Variante (japanisch) wird unter Luftabschluss in einem Gärbehältnis verschlossen. Am besten versieht man es mit einem Gährröhrchen. Ein alter Essigkanister z.B. aus einem Restaurant tuts aber auch. Dann muss allerdings das Deckelchen immer mal wieder ein klein bisschen aufgedreht werden um vorsichtig die überschüssigen Gase entweichen zu lassen. Der Bokashi ist fertig fermentiert, wenn er nicht mehr blubbert. Jetzt ist der Moment um noch Pflanzenkohle hinzuzufügen und diese aufzuladen und damit die Wirkungsdauer des Bokashis zu verlängern.

Die andere Variante laut Abya Yala ist unter zwei mal täglichem Rühren in einem offenen Gefäß möglich. Wobei ich nicht glaube, dass mensch damit zum gleichen Ergebnis kommt. Die Fermentations-/Milchsäurebakterien im traditionellen Bokashi sind nämlich extrem Sauerstoff empfindlich und sondern sogar Antioxidantien ab um sich zu schützen. Das Rühren dient wiederum ja gerade dazu Sauerstoff hineinzubringen. Ich würde daher die erste Variante bevorzugen. Sie ist zudem mit weniger Arbeitsaufwand verbunden, hat man einmal das Gefäß gebastelt.

Was wir in Europa natürlich beachten müssen, ist das die Mikroorganismen die wir da haben wollen ein Klima zwischen 20 und 25 Grad Celcius mögen und am liebsten mit möglichst wenig Schwankungen. Also heißer als 30 sollte es nicht werden. Es wird also ein isoliertes Gefäß und am besten ein Heizstab benötigt (wenn im Außenbereich). Wer das perfektionieren will kann sich da mal die Youtubevideos von „triaterra“ reinziehen. Man kann das auch ohne die gekauften Mikroorganismen machen. Evtl. noch ein bisschen lebendigen – also gut riechenden – Waldboden mit reinkippen…

Test: Wenns gut geht riechts angenehm, wenns schief läuft haben die Fäulnisbakterien gesiegt und es stinkt 😉 Es ist auch möglich den PH-Wert zu testen, dieser sollte dann idealerweise zwischen 2,7 und 3,2 liegen.

Anwendung: Am besten wenige cm entfernt von den Pflanzen in ein kleines Loch kippen. Bei Obstbäumen auch in einem Kreis mit 1,5-2m Durchmesser einbuddeln.


Der wichtiger Teile beraubte Traktor muss tatenlos herum stehen…

Chavez Tauschpaket

Am letzten Sonntag sind wir von Barrinas aus mit zwei Fahrzeugen und jeweils ca. 500kg Mais in 23 Säcken in die Berge aufgebrochen. In einem Bergdorf waren wir verabredet zum Tausch Mais gegen Kaffee. Theoretisch hätten wir in zwei Stunden dort sein können, allerdings hatten wir eine etwas längere Zwischenstation. In Venezuela hat Chavez aufgrund des Finanzwirtschaftskriegs gegen sein Land den Menschen eine alte venezolanische Tradition freigestellt und promoviert. Direkter Naturalientausch soll dazu dienen sich unter den Bewegungen der internationalen Finanzströme hinwegzuducken. Auch die Steuern wurden damit komplett erlassen, was natürlich lokale Tauschbeziehungen gegenüber überregionalem Handel fördert. Sprich: auch den Staat unabhängiger von Devisengeschäften macht. Es ist also auch kein Nullsummenspiel für den Staat selbst, auch wenn ihm scheinbar erstmal Mehrwert-, Gewinn- und in manchen Fällen sogar Körperschaftssteuer durch die Lappen geht. Wieder ein Gesetz, dass nationale Autarkie stärkt.

Exkurs staatliche Regulation

Nun hat es in den Letzten Jahren leider, teilweise durch geschrumpfte Kaufkraft, teilweise durch staatliche Steuerungsversuche bedingt, viele Händler oder Produktoren gegeben, die Lebensmittel z.B. nach Kolumbien oder Brasilien exportiert haben um höhere Gewinne einzufahren. Bei Lebensmitteln teilweise auch um überhaupt Gewinne einzufahren, wenn die Preise staatlich zu niedrig reguliert waren. [Siehe dazu auch den Abschnitt Übertragung aus dem vorangegangenen Blogeintrag Venezuela: 1984? Medien im Krieg und medialer Krieg in außenpolitischer Innenpolitik] Der Staat hat mit Ausfuhrverboten für Grundnahrungsmittel und einer Begrenzung innerstaatlicher Verkehrsmengen reagiert. Bei Mais (mit weitem Abstand wichtigstes Grundnahrungsmittel Venezuelas) liegt die Grenze bei 500kg pro Fahrzeug ;-)…..

In der Bevölkerung wird entweder auf raffgierige Produzenten und Händler, oder auf die Wirtschaftspolitik geschimpft.

Die Guardia Nacional Bolivariana

Bei einem Posten der Guardia Nacional Bolivariana (GNB: Nationalgarde, Aufgabenschwerpunkt Zoll und organisierte Kriminalität) wurden wir rausgewunken. Es herrschte offensichtlich Unklarheit darüber wie mit uns umzugehen ist. Die Menge lag evtl. knapp drüber. Mit zwei von ihnen hinten auf unserem Pickup fuhren wir zur Commandancia de Barrinitas. Dort mussten wir die Säcke abladen. Nach ein halbe Stunde warten mussten wir die Hälfte vor eines der Wandgemälde räumen auf der das Wappen der dritten Kompanie zu sehen war. Ein Gardist machte ein Foto davon.

„in diesem Kommando ist Chavez am Leben“, ein Spruch den mensch häufiger lesen konnte. Direkt daneben das stolze Wappen der dritten Kompanie vor den Maissäcken die wir demütigst danieder legen mussten. Am Ende blieb der Kompanie nur das peinliche Foto…
Hinter unserer geleerten Ladefläche lauern die großen bolivarischen Unabhängigkeitskämpfer und beraten darüber was mit 23 Maissäcken zu tun wäre…

Nach einer weiteren halbe Stunde durfte wir erstmal ohne den Mais abziehen. Einer von uns kannte aber einen Capitan, der zwei Jahre im selben Stützpunkt gedient hatte. Der rief wiederum den dortigen Capitan an und der schimpfte dann seinen rangniederen Sargente aus, was das denn solle mit der Konfiszierung dieser lächerlichen Menge. Wir bekamen einen Anruf aus der Commandancia und durften abziehen ohne Schmiergeld oder Konfiszierung.

Die Policia Nacional

Der Pickup der uns vorausgeeilt war kam zwanzig Minuten nach uns im Dorf an. Er wurde von einem Polizisten angehalten, der auch zunächst noch unschlüssig war was er tun sollte. Sein Vorgesetzter sendete ihm eine Nachricht auf sein Handy er solle selbst entscheiden was er tut. Triumphierend zeigte er dem Comapnero diese Nachricht. Nachdem der Companero sagte er habe aber kein Geld, entschied dieser sich zwei der zehn Säcke zu konfiszieren. Bei der nächsten Polizeikontrolle zeigte der Companero die von der Guardia Nacional angefertigten Papiere. Die Polizisten fragten: „Was hast du mit den beiden fehlenden Säcken gemacht?“. Er teilte ihnen mit, dass diese konfisziert worden waren. Daraufhin waren die beiden Polizisten wohl zunächst verdutzt und dann sauer auf ihren Kollegen, der es wohl etwas übertrieben hatte mit der Korruption.

Der Tausch

Schon auf der Fahrt durch das hochgelegene Dorf wurden wir mehrmals von den Leuten angesprochen für wieviel wir den Mais verkaufen. Ich saß mit einem Companero hinten auf der Ladefläche auf den Säcken. Inzwischen quälte uns der Hunger, da wir sehr früh und ohne Frühstück losgefahren waren. Mittlerweile war es fast Mittag und überall wurden Cambures (Bananen) verkauft, während unserer Lastwagenfahrer immer weiter fuhr. Der Tauschplatz war eine kleine Garage. Wir wurden von Kaffeebauern mit Cowboyhüten begrüßt. Wie so oft gab es erstmal einen süßen Kaffee. Mit zwei anderen setzte ich mich erstmal ab um etwas zu Essen zu besorgen. Das Kilo Bananen kostete 100 Bolivares, also zu dem Zeitpunkt etwa 4 Eurocent. Ich kaufte zwei Kilo und etwas Brot. In so abgelegenen Dörfern gibt es zwar Obst und manches Gemüse aber kaum Geld. Nach einem Bad in dem großen kalten Gebirgsbach saßen wir im Garten mit den Kaffeecowboys und tranken ihren Schnaps aus Zuckerrohrmelasse mit Ingwer. Sehr hochprozentig und würzig. Das Tauschen ging noch eine Weile weiter und dauerte insgesamt vielleicht drei Stunden. Immer wieder kamen einzelne kleine Produzenten mit kleineren Mengen Kaffee an. 45Kg Mais wurden gegen 6kg Kaffeebohnen getauscht. Die Bohnen sind geschält und getrocknet.


Der herrlich kühle Bergbach im Dorf der Kaffeebauern

Einmal sich wie ein „Narcotraficante“ fühlen gefällig? Das Geld für 7 Maissäcke, die wir kauften.

Ich glaube wir hatten auf dem Hinweg nach Barrinas etwas 7000 Bolivares Soberanos pro Sack bezahlt.

Weiterverarbeitung des Kaffees und Verkauf

Auf der Finca wurde der Kaffee in großen Pfannen über dem Feuer geröstet. Das dauert ungefähr eine halbe Stunde. Danach wurde der Kaffee drei mal mit einer motorbetriebenen Mühle gemahlen.

Dann wurde er von Hand gewogen, verpackt und zugeschweißt.

In der eigenen Markthalle wird der Kaffee dann auch für dortige Verhältnisse günstig zu 8000 Bolivares/kg verkauft. Macht ohne Arbeitskraft einen Gewinn von knapp 7000 Bolivares/Kg.

Oder 147.000 insgesamt für vielleicht ein Woche Arbeit für 3 Personen. Das wären 2,50€ pro Tag, bzw. ungefähr 1kg des selbst produzierten Kaffees. Liegt damit aber immer noch mehrfach über dem Lohn der CECOCESOLA ArbeiterInnen in Barquesimeto.

Arbeitsorganisation

Hat sich mir nicht vollständig erschlossen. Die Arbeiten auf der Finca waren zumindest reltiv genau verteilt und die Bezahlung durch die Kooperative wurde daran ausgerichtet. „Sondereinsätze“ wie das Bereinigen des Zitrushains werden extra vergütet.

Venezuela: 1984? Medien im Krieg und medialer Krieg in außenpolitischer Innenpolitik?!?


Hier ein kurzes Zwischenupdate, da mich Nachrichten aus Deutschland über die Lage hier erreicht haben, die mensch so wie sie sind nicht stehen lassen kann. Zunächst mal also der phantasievolle Bericht der „Welt“: https://www.welt.de/politik/ausland/article187640026/Krise-in-Venezuela-Kann-sich-Maduro-wirklich-auf-seine-Armee-verlassen.html

Die Fragestellung des Artikels, so wird schon nach wenigen Zeilen klar, zielt auf die Illegitimität Maduros ab. Wir müssen uns bei der Betrachtung der Lage in dem Land klar sein, dass es sich seit fast 20 Jahren in einem (medialen) Kriegszustand mit den USA und seiner ehemaligen Kolonialmacht Spanien befindet. Innerhalb des Militärs hat es immer wieder Putschversuche gegeben. An deren Verbindungen zu den USA besteht keinerlei Zweifel. Auch die Bedrohungen und Sanktionierungen seitens der USA sind bekannt. Etwa 200 Militärs sind in den letzten 12 Monaten wegen Landesverrats festgesetzt worden. Der Artikel liest sich so als wenn die Illegitimität des Präsidenten außer Frage stehe. Immer wieder werden die Unregelmäßigkeiten bei den Präsidentschaftswahlen 2018 angeprangert.

Die Wahlen 2018

Nur 46% gingen wählen und davon wählten knapp 68% Maduro zum Präsidenten. Welcher westliche Staatenlenker hat denn einen größeren Bevölkerungsanteil hinter sich? Behauptet wird (von der Opposition und somit auch von den meisten Medien) dass eine zweimalige Veränderung des Wahltermins durch Maduros Regierung stattfand. Wahr ist, dass die Opposition diese Verschiebungen beantragt hatte. Über die Situation in den Wahllokalen habe ich verschiedene Geschichten gehört. Unter anderem die, dass von der Opposition erst nach der Bekanntgabe der ersten Ergebnisse Protest über Unregelmäßigkeiten angemeldet wurde, obwohl sie in jedem Wahllokal mit dabei waren. Seit Chavez gibt es in jedem Wahllokal angehörige aller Parteien, sowie Bürger, die den rechtmäßigen Verlauf begutachten. 320 registrierte Wähler müssen z.B. auch 320 Stimmen abgegeben haben, die Auszählung erfolgt laut und wird unmittelbar digitalisiert. Zudem sind sämtliche Wahllokale seit Chavez Videoüberwacht. Vielleicht handelt es sich damit um das sicherste demokratische Wahlsystem der Welt.

Weitere Kritikpunkte von Opposition und deren medialer Verlängerungensind, dass ja Konkurrenz Kandidaten von der Regierung zuvor unschädlich gemacht worden seien. Tatsächlich aber gibt es in der bolivarianischen Verfassung harte Kriterien dafür wer von den Bewerbern für die Kandidatur des Präsidenten zugelassen werden darf. Das Ausscheiden der anderen Kandidaten liegt schlicht an deren dreckiger Vergangenheit. Jemand mit kriminellen Geschäften oder sogar Verwicklung in Morde kann nicht venezulanischer Präsident werden per Verfassung, d.h. nicht einfach durch mediale Hetzkampagnen.

In den Wahlen 2018 wurden mit 98 Mandaten für die Opposition und 64 für die Regierung zunächst eine schwere Niederlage für die Chavistas eingefahren. Die Natianalversammlung war damit von der Opposition dominiert. Chavez hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen eine Liveübertragung der Nationalversammlung eingeführt, damit jeder Bürger jeden Beitrag hören konnte. Dies wurde im Staatsfernsehen übertragen. Die Opposition hat sofort nach der Wahl diese Kameras entfernen lassen. Das könnte Mensch wenn er will als entdemokratisierungs Tendenz werten. Nix dazu von den Medien… auch wurde außer in den Staatsmedien nichts darüber berichtet, dass die Versammlung nicht mehr Arbeitsfähig war. Die Kameras hatten dazu beigetragen die auch vor der chavistischen Machtübernahme übliche Arbeitsmentalität der Mandatsträger zu erhöhen. Es wurden seit der Wahl 2018 kaum Gesetze erlassen, Mandatsträger gingen selbstbestimmt auf „Geschäftsreisen“ z.B. nach Kolumbien andere machten Urlaub. Das verfassungsgemäß zuständige Organ (Consejo supremo electoral – also die Wahlaufsichtsbehörde) stellte also die Arbeitsunfähigkeit der Nationalversammlung fest. Wie festgelegt wurden erneut Wahlen proklamiert zu dem Organ, dass in solchen Fällen an die Stelle der Nationalversammlung tritt, die „assamblea nacional constituyente“. Hierbei erreichte die Regierungspartei wieder die Mehrheit. Das lässt sich aus dem gleichen Grund erklären, aus dem verfassungsgemäß gehandelt wurde: Die Bevölkerung war desillusioniert über das unproduktive Verhalten der oppositionellen Mandatsträger, die im Volksmund auch als payasos (Clowns) bezeichnet wurden. Auch diese Wahl wurde wie alle Wahlen, die von Chavistas gewonnen wurden seit Chavez Wahlsieg 1999, von der Opposition nicht akzeptiert. Die EU macht mit:

„Die EU bekräftigte indes ihre Haltung, die Präsidentschaftswahlen im vergangenen Mai in Venezuela sei weder frei, fair und glaubwürdig gewesen, noch habe sie eine demokratische Legitimation. „Das Land braucht dringend eine Regierung, die den Willen des venezolanischen Volkes wirklich repräsentiert“, heißt es in einer Erklärung aus Brüssel.“ [https://amerika21.de/2019/01/221064/venezuela-guaido-oas-caricom-deutschland]

Na, wenn es um den Willen des Volkes geht, warum werden dann weder Wahlergebnisse noch Demonstrationszahlen zur Kenntnis genommen? In den Medien wird von zehntausenden Anhängern geredet, die der Selbsternennung Guaidos beiwohnten. Ähnliche Massen gab es auch vor dem Amtssitz des Präsidenten Maduro. In den letzten zwei Jahrzehnten kann sogar mit Abstand von einem größeren Mobilisierungspotenzial regierungstreuer Menschen gesprochen werden.

Anders herum wird von sowohl von der Venezolanischen Regierung als auch von der Bevölkerung anerkannt, dass in einigen Bundesstaaten Kandidaten der Opposition regieren. Wie passt das mit Diktatur zusammen?

Auch die Situation der internationalen Stimmung zu Maduro und seinem Konkurrenten Guaidó wird in dem Welt Artikel exakt umgekehrt zur tatsächlichen Faktenlage dargestellt: Im Artikel wird die große internationale Ablehnung betont. Aber: 16 der OAS (Organisation der Amerikas) Staaten stimmten für die Anerkennung des Putschisten, 18 dagegen. Auch in der UNO scheiterten die USA mit ihrem Antrag. Warum stellen die eigentlich immer diese Anträge? 😉 Ganz klar, sie sind schließlich die Initiativkraft die hinter den Tumulten steht. In der Jungen Welt kann man lesen: „US-Außenminister Michael Pompeo habe zudem mehrfach Guaidó angerufen, zuletzt am 22. Januar, dem Tag vor der Selbsternennung. Das bestätigte Guaidó offenbar in einem Gespräch, dass er am späten Abend des 22. Januar in einem Hotel in Caracas mit Diosdado Cabello, dem Präsidenten der Verfassunggebenden Versammlung, führte.“ ][https://www.jungewelt.de/artikel/348065.putschversuch-in-venezuela-von-washington-organisiert.html] Auch vom deutschen Außenminister ist ein Foto mit Guaidó vom Dezember aufgetaucht.

Aber es werden von den USA nicht nur Stimmungsbilder eingeworben, diese dienen auch einem Zweck. Sie sollen die gewünschte militärische Option vorbereiten. Nachbarstaaten sind von den USA angeworben worden zu intervenieren [https://www.jungewelt.de/loginFailed.php?ref=/artikel/337842.us-imperialismus-besuch-bei-vasallen.html]

Quelle: BILD im Ordner! Von Lencer – „own work“, used BlankMap-World6.svg, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1795432

11 von 19 US Stützpunkten befinden sich in Kolumbien (9) und den niederländischen Antillen (2), die direkt vor Venezuelas Küste liegen.

Natürlich hängt dies auch damit zusammen das Kolumbien die Produktionsstätte des größten Kokain Produzenten des Planeten ist und der Stoff ja auch irgendwie in die USA geflogen werden muss. Seit zwanzig Jahren ist das aber auch ganz praktisch als Drohpotential gegen die „chavinistische“ Republica Bolivariana de Venezuela. Gestern regte eine Notiz auf dem Block des amerikanischen Verteidigungsministers für Aufsehen. Sinngemäß stand dort „5000 Soldaten nach Kolumbien“. Mit dem Militär hinter der Verfassung können die USA hier aber kaum einmarschieren. Darum wird die Bestechung von Offizieren und die Fehlinformierung weiter gehen.

Ich will hier nicht die Regierung Nicolas Maduros schön reden. Es ist eine wirtschaftliche Katastrophe. Die bolivarianischen Unabhängigkeitsbekundungen des Präsidenten sind schöne Worte, doch die Regierung scheitert wenn es um den Aufbau einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit des Landes geht. Und selbst wenn hier wirtschaftliche sinnvolle Maßnahmen, wie beispielsweise die unter Chavez eingeführte Legalisierung des steuerfreien Naturalientausches eingeführt wurden, die die Unabhängigkeit von den internationalen Finanzströmen garantieren soll, scheitert dies am korrupten verhalten einzelner Beamter.

Konkretes Beispiel: Ich war am Sonntag mit vier Companeros und zwei Fahrzeugen unterwegs um 23 Maissäcke in einem abgelegenen Bergdorf gegen dort produzierten Kaffee zu tauschen. Wir wurden drei mal angehalten. Beim ersten mal mussten wir zum militärischen Stützpunkt der Nationalgarde. Da es ein Gesetz gibt nicht mehr als 500kg undeklarierten Mais zu transportieren, wegen des krassen Problems des illegalen Exports z.B. nach Kolumbien. Durch Kontakte zu einem ehemaligen Kommandanten der Nationalgarde konnten wir nach zwei Stunden weiter fahren. Eines der Fahrzeuge, welches vorrausfuhr wurde jedoch von der Polizei angehalten, die sich 2 von 10 Säcken abzwackte. Bei der dritten Kontrolle fiel dies auf, da in den von der Nationalgarde angefertigten Papieren ja 10 Säcke angegeben waren. So flog die von den anderen Beamten wohl als übertriebene Korruption wahrgenommene Aktion des vorangegangenen Postens auf. Ob das Folgen hatte wissen wir nicht.

Übertragung: Genauso müssen wir uns das im Großen Ganzen vorstellen. Die Verschiedenen regulierten Hauptnahrungsmittel des Landes haben jeweils einen Militär, der für deren Verteilung zuständig ist. So gibt es im Volksmund z.B. den „General Mais“. 70% dieser Basisnahrungsmittel müssen von den Produzenten zu einem geregelten Einheitspreis abgegeben werden. Dieser deckt jedoch oft kaum die Produktionskosten. So werden die restlichen 30% privat so teuer verkauft, dass der Verlust aufgefangen wird. Teilweise treibt es die Preise im Innland, teilweise wird versucht die Ware dann lieber bei zahlungskräfitgeren Nachbarländern zu verkaufen. Wäre an sich noch keine Katastrophe wenn denn die staatlich abgenommenen 70% entsprechend günstig und vollständig weitergegeben würden. General Mais sitzt aber wie eine Glucke auf seinem Silo und lässt einen Teil genauso wie die Produzenten im kleinen teurer verkaufen. Auch hier kommt es zu Schmuggeleien außer Landes.

Sabotage auf allen Ebenen: Der Wirtschaftskrieg der USA gegen Venezuela beschränkt sich nicht nur auf die offiziellen Sanktionswege (USA will jetzt sogar Finanzmittel aus den Deviseneinnahmen der in Texas angesiedelten venezolanischen Erdölraffenerien einfrieren um sie angeblich Guaido zur Verfügung zu stellen [https://amerika21.de/2019/01/221127/us-finanzministerium-venezuela]). Die hohen „Korruptionsniveaus“ sind oftmals von den USA geschmiert. z.B. gab es den Fall eines Frachtschiffes voller Lebensmittel für Venezuela, welches so lange nicht abgeladen wurde bis die Lebensmittel verkamen. Der zuständige Militär hatte dafür Geld von den USA bekommen. Kommt es zu Verfahren werden diese von der Opposition als diktatorische Maßnahmen angeprangert.

Landeskultur: In einem Text, der Ergebnis der jahrzehntelangen Selbstreflexion CECOCESOLAS ist wird immer wieder auf die Kultur der Menschen in Venezuela eingegangen [Hier und heute die Welt, die wir wollen, Teil 2: Unser kultureller Hintergrund: Zu finden in
Auf dem Weg – Gelebte Utopie einer Kooperative in Venezuela ISBN: 987-3-00-037134-9]. Sie begreifen ihre Kultur als eine Synthese aus den arbenteuerischen spanischen Conquistadores auf der Suche nach dem schnellen Gold, dem Eldorado, und der Sammlerkultur. Damit begründen sie ihr übliches Verhalten sich die „Beute“ untereinander aufzuteilen. Es ist eine Art „solidarische Komplizenschaft“. Ich will hier das geografische extrem wichtige Adjektiv „tropisch“ vor die Sammlerkultur hinzufügen. Seit tausenden von Jahren kann hier ganz jährich geerntet werden. Es gibt zwar Regenzeiten, aber keine Jahreszeiten in unserem westlichen Sinne. Diese materielle Basis hat den Menschen die hier lebten kein langfristiges Planungsdenken aufgezwungen, wie es der Winter bei uns tut. In Deutschland müssen in einem Zeitfenster von wenigen Wochen bestimmte Arbeitsschritte in der Landwirtschaft erfolgen, damit eine Ernte und deren Einlagerung möglich wird. Das war lange Zeit absolute Existenzbedingung. In Venezuela reift hier ein Maiskolben ab und dort eine Zitrusfrucht und da hängen grüne neben gelben Kochbananen. Eine einzelne Papayapflanze wirft hier drei Ernten ab. Planung kann hier sogar hinderlich sein. Kaum etwas ist länger lagerbar. Ach wie schön ist doch das materialistische Denken gegenüber der stumpf eindimensionalen, westlich-ignoranten Sozialtheorieübertragung 😉

Angebliche chavistische Todesschwadronen auf Motorrädern

Die Opposition und hörige Medien wie die Welt behaupten, dass von Maduro unterhaltenen Todesschadronen auf Motorrädern wahllos Opositionelle ermorden:

https://www.welt.de/politik/ausland/article187884634/Maduros-Schlaegertrupps-Warum-Protest-in-Venezuela-eine-lebensgefaehrliche-Mutprobe-ist.html

Tatsächlich ist dies eine Strategie der Opposition, die schon mehrfach entlarvt wurde. z.B. bei dem Putsch gegen Chavez. Dort haben Scharfschützen die Demonstration der Opposition beschossen um dies Chavez in die Schuhe zu schieben. Vor ein paar Tagen sind ein paar Soldaten mit Scharfschützen gewehren desertiert. Sie wurden festgestzt, allerdings fehlten ein paar der gestohlenen Gewehre. Maduros Regierung hat kein Motiv für derartige Aktionen.

Seid der Machtübernahme von Chavez gehen Menschen auf die Straße und protestieren dafür oder dagegen. Vorher herrschte die berechtigte Angst zu verschwinden. Z.B. wurden damalige Regierungsgegner mit Hubschraubern zu einer Insel (Isla Blanca) geflogen und dort fallen gelassen. Die Zahl der „Verschwundenen“ ist riesig. Das ist die Kultur aus der die jetzige Opposition stammt.

Seit 1999 gibt es beständig gewalttätige Demonstrationen durch die Opposition. Soldaten werden von DemonstrantInnen beschimpft, bespuckt oder mit weiblicher Unterwäsche beworfen um sie zu provozieren. Nicht nur Vandalismus und Plünderungen sind dabei Kultur sondern auch das Töten von Chavistas. z.B. durch Verprügeln und dann mit Benzin übergießen und anzünden. Kindern werden 50 Bolivares gezahlt damit sie Steine werfen, während die die zu den Demonstrationen aufrufen selbst nicht erscheinen. Sie wissen nämlich von der Gefahr, die von ihren eigenen Leuten ausgeht. In dem oben genannten Beitrag wird auch von „kubanischen Stimmen“ unter den Motorradfahrern gesprochen. Vielleicht Exilkubaner aus Miami?

Was es tatsächlich gibt sind Einheiten innerhalb der Militärpolizei deren Zweck das Aufspüren und gezielte Töten von schwer Kriminellen ist. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Drogenbanden. Deren Tötung wird allerdings in diesem Falle auch von den Oppositionsmedien begrüßt und mit Bildern der Toten sensationslustig ausgeschlachtet. Trotz der unmittelbaren Nähe zum Narcoparadies Kolumbien ist der Drogenmarkt in Venezuela relativ gut unter Kontrolle.

Statistsch gesehen besitzt jeder 4. Venezulaner eine Feuerwaffe (in den USA gibt es mehr Waffen als Einwohner). Es gibt hier viele Überfälle und manchmal auch Tote. Wirtschaftssanktionen und Sabotagen tragen ein große Mitschuld an diesen Zuständen…Dennoch geht für die allermeisten Menschen der Alltag weiter, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Wenigstens steigt seit anderthalb Wochen der Dollar nicht mehr. Allerdings wird dieser jetzt sogar offiziell zum Schwarzmarktkurs für Bankgeschäfte zugelassen. Der Offizielle Kurs war aber auch vorher schon nur für Regierungsgeschäfte relevant.

Noch ein paar Worte zur Oppostition. Natürlich handelt es sich nicht um eine homogene Gruppe und auch innerhalb der Opposition gibt es Strömungen die z.B. den selbsternannten Präsidenten nicht anerkennen. Klar ist aber, dass die 11 reichsten und mächtigsten Familien Venezuelas, die das Land als ihres betrachten, durch sie ihre Interessen zu vertreten suchen. Das Wahnwitzige an der Opposition ist, dass sie seit 20 Jahren die USA anbetteln militärisch einzugreifen. Ich habe sogar auf youtube Demobilder gesehen, wo sich Trump als Präsident gewünscht wird. Puertoricanische Verhältnisse also. Sie scheinen zu glauben, dass die US Bomben sie nicht treffen werden oder würden.

Der bolivarianische Revolutionsprozess: Sozialismus des 21. Jahrhunderts

Zu guter Letzt noch eine kleine Sache die nicht vergessen werden sollte. Der Chavismus hat dieses Land sehr weit nach vorne katapultiert in humanistischer Hinsicht. Schulen wurden gebaut, der Analphabetismus effektiv bekämpft, Tausende Ärzte wurden ausgebildet, Gesundheitszentren aufgebaut und bis jetzt werden monatlich staatlich finanzierte neu errichtete Häuser günstig an Bedürftige weitergegeben. Auch öffentliche Universitäten ohne Gebühren wurden gebaut und eröffnet. Bildung war bis 1999 privat und quasi völlige Herkunftssache. Erst mit der Erschaffung der bolivarianischen Verfassung in einem fast dreijährigen Diskussionsprozess wurden der Bevölkerung ihre Rechte und Pflichten klar gemacht. Völliger Willkür ist dies sicherlich vorzuziehen auch wenn heute viele Dinge passieren und die Polizei untätig daneben steht, oder selbst drin verwickelt ist.

Viele Initiativen die auf der Verteilung von Geldern von oben beruhten sind missbraucht worden und versickert. Ganz Unten genauso wie auf höheren Ebenen. Z.B. wurden Kooperativengründungen stark finanziell unterstützt. Viele waren jedoch entweder nur Briefkastenkooperativen oder Einzelunternehmen die sich als Kollektive tarnten.

Ein Foto aus dem Flughafen Barquesimetos, der von Chavez verstaatlicht wurde. An der Wand die obligatorischen Portraits des "ewigen Kommandaten"
Ein Foto aus dem Flughafen Barquesimetos, der von Chavez verstaatlicht wurde. An der Wand die obligatorischen Portraits des „ewigen Kommandaten“

Der Versuch Basisinitiativen von oben herab zu fördern ist hier eindrücklich gescheitert am Bewusstsein der Bevölkerung. Subventionen sind mindestens zweischneidige Schwerter, da sie viel zu oft patriarchale, bzw. paternalistische Abhängigkeitsverhältnisse schaffen und die Macht oben (bei Papa) bleibt. Oftmals ist hier eher eine Haltung des Hände Aufhaltens provoziert worden, anstatt als Starthilfe für die Selbstermächtigung zu wirken. Vielleicht war einfach die Zeit für die Saatbeetvorbereitung zu knapp für den Segen von oben. Der Personenkult um Chavez, den „Comandante Eterno“, den ewigen Kommandanten, ist vielleicht auch daher so stark. Die Suche nach dem Heiligen ist in Lateinarmerika genauso stark wie die Heilige Familie und ihr Oberhaupt. Im spanischen heißt der Papst übrigens „el papa“. Wer weiß wie Chavez die sinkenden Barrelpreise ausgeglichen hätte. Vielleicht ist es auch ein gesellschaftlicher Zwang, das progressive Entwicklungen oft zu schnell gehen um alle mitzunehmen, ein reaktionärer Backlash kommt, nur um dann wieder progressiv überholt zu werden. Also gesellschaftliche Emanzipation als Wellenbewegung.

Ich hoffe dieses Land kann weiterhin ohne Krieg leben. Übermorgen geht es für mich schon wieder nach Deutschland.

Hasta siempre Venezuela rebelde!

Falls ihr weiter dran bleiben wollt empfehle ich euch amerika21.de

Trujillo – Die Kooperative Estiguates

(ich kann leider von hier aus keine Bilder hochladen, vermutlich wegen der lahmen Verbindung, die kommen dann später dazu)

Die Kooperative befindet sich in den Anden von Trujillo. Die verstreuten Häuser schmiegen sich an die steilen Hänge. Ich komme bei einer Familie unter. Die Häuser haben keine Heizungen, kochen mit Gas und sind mit dem Stromnetz verbunden. Die Flächen sind auf die Familien aufgeteilt. So gibt es strukturell klare Zuständigkeiten. Bei größeren Arbeitseinsätzen wird punktuell kooperiert.

Die Vermarktung läuft ausschließlich über die CECOCESOLA Märkte. Es gibt auch Kulturen, die nur zum Eigenverbrauch angebaut werden, wie z.B. Weizen und Mais. Daneben gibt es auch Nutztiere in geringem Ausmaß, die ebenfalls der Selbstversorgung dienen und auch etwas von dem Mais bekommen. Vollkornmaisfladen (Arepas), kleine dunkle Bohnen (Karaote), Milch, Eier, Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren sind das täglich Brot. Es gibt zwar nicht mehr den Wohlstand wie noch vor 4 Jahren, aber durch die Abnahmegarantie der Märkte kann alles verkauft werden. Das Arbeitspensum hat sich allerdings stark erhöht. Dies liegt jedoch weniger an der ökonomischen Situation, sondern an dem gestiegenen Schädlings- und Krankheitsdruck. Vor allem bei Kartoffeln und Möhren hat sich das Verhältnis zwischen Ertrag und Arbeitsaufwand fast halbiert. In einigen Flurstücken ist die Fruchtfolge extrem eng und der Nematodendruck daher sehr hoch. Gründüngungskonzepte gibt es nicht. Das höchste der Gefühle ist eine kurzzeitige Brache.

Es wird gedüngt mit den aus den Hühnserställen ausgemisteten Reisschalen. Sie werden vermehrt auf dem oberen Teil der Äcker ausgebracht und mit Wasser ein gespült und dann eingearbeitet. Der Hühnermist wird auf dem Rückweg vom Markt in Barquesimeto dort gekauft und aufgeladen. Mit solch einer Fuhre kam auch ich hier an. Mit dem schwer beladenen LKW in den Bergen dauert diese Fahrt mit Pause 10 Stunden. Auf dem Weg gibt es so an die 15 polizeiliche Sperrungen. Bei fast jeder sind 50 Bolivares Schmiergeld fällig. Auf die Strecke gerechnet sind das zwischen ein und zwei Mindestlohn Tagessätzen. Manchmal sind auch ein paar Zwiebeln fällig…

Sozioökonomische Struktur – „relative Autonomie“ und organisationales Lernen

Die Kooperation der Produzenten besteht auf verschiedenen Ebenen. Zum einen gibt es Leute mit mehr Grundbesitz, die ihre Parzellen teilweise mit anderen Familien bearbeiten. Wird von einer Familie mehr Arbeit geleistet erhöht sich der Investitionseinsatz des Koproduzenten um die Differenz der hinein gesteckten Arbeitskraft. So kann auch der Gewinn zu gleichen Teilen aufgeteilt werden.

Zum anderen ist es so, dass alle Produkte zu einer gemeinsam finanzierten Lagerhalle transportiert werden. Dies geschieht mit drei kleinen LKWs mit etwa 3t Ladekapazität. In der Lagerhalle steht ein großer Lastwagen der wöchentlich das Gemüse zu den CECOCESOLA Markthallen fährt. Dessen Kauf vor 25 Jahren stellt in gewisser Weise die ökonomisch gesehen wichtigste gemeinsame Anfangsinvestition der Kooperative dar. Der Truck bildet das Herzstück der gemeinsamen Distribution und verhilft allen nicht nur zu Ersparnissen, sondern schafft auch eine gegenseitige materielle Abhängigkeit. Ein entscheidender Faktor langfristig stabiler Kooperation. Die einzelnen Produzenten zahlen für jede LKW Nutzung eine Sackpauschale. Diese ermöglicht die Instandhaltung der Fahrzeuge. Der große LKW wird nur von einem der Produzenten gefahren und die kleinen LKWs nur von drei verschiedenen Leuten. Dies soll den Verschleiß minimal halten, da jeder Fahrer so eine größere Übersicht über das Fahrzeug hat und z.B. welche Wartungen anstehen.

Auch ein Versammlungshaus hat die Kooperative finanziert. All dies ist Eigentum der Kooperative. Für jedes Projekt gibt es Parzellen die ihm gewidmet werden. Also z.B. eine Parzelle für einen Gesundheitsfonds. Diese werden jeweils von einem der Produzenten bewirtschaftet. 50% des Gewinns gehen an den Produzenten und die anderen 50% gehen an den Fonds. So ist nicht nur eine gewisse Eigenmotivation mit eingebaut ein gutes Ergebnis zu erzielen, sondern auch eine kleine ökonomische Entschädigung, die das weitere „relativ autonome“ Funktionieren der ökonomischen Kleinsteinheiten stützt. Aufgrund der rasanten Inflation ist enorm viel Flexibilität und Phantasie erforderlich. Da sparen nicht möglich ist werden z.B. Gelder aus dem Gesundheitsfonds in Maschinenöl investiert. Entweder kann dies bei Bedarf verkauft werden, oder in einem Krankheitsfall wird Geld aus dem Fahrzeugfonds abgezogen in dem zu dem Zeitpunkt gerade Geld ist. Auch der Kauf von Samen führt zu ähnlichen phantasievollen Lösungen. Da der Wert von Möhrensaamen von letzter auf diese Woche sich mehr als verdoppelt hat, wird der nächste Samenkauf von anderen Produktoren mit vorfinanziert. Die Gewinne der erst einmal klar von einander getrennten Kleinsteinheiten der Kooperative verschmelzen hier durch Kommunikation zu einer gemeinsamen Verfügungsmasse. So kann der Verlust durch die Inflation im Sinne aller verringert werden. Auf dem Treffen von Produktoren und den Companeros der CECOCESOLA Märkte am Donnerstag (17.1.2019) wurde dieses Modell den anderen Kooperativen nahegelegt. Auch dies ist wieder ein Beispiel für die Funktionalität der „vorläufigen“ Aufteilung von Verantwortung und Entscheidungsmacht auf kleinere Einheiten. Vorläufig, da wie oben geschildert über notwendige Unterstützungsmaßnahmen gesprochen werden kann. Funktionalität besteht in der Hinsicht, dass die Ergebnisse des flexiblen Experimentierens und das damit verbundene Erfahrungslernen der einzelnen Organisationsteile, über den Weg der kollektiven Reflexion auf derartigen Versammlungen, zur Verfügung gestellt werden. Genau genommen ensteht Erfahrung erst durch Reflexion. Erfolgreiches organisationales Lernen ist in der Struktur angelegt. Das heißt natürlich nicht, dass alles was in einer Kooperative sich bewährt hat widerstandslos übertragen wird oder übertragen werden kann.

Entsteht ein neues Bedürfnis in der Kooperative wird eine neue Parzelle ihm gewidmet, oder eine „alte“ Soliparzelle wird umgewidmet durch die veränderte Prioritätensetzung.

Infrastrukturelle Aufgaben wie das Instandhalten der Bewässerung und das Freihalten der Wege, sowie deren Instandsetzung sind auf Arbeitsgruppen verteilt. Jeder Kooperativist gehört einer dieser Gruppen an. Rotationsprinzipien fehlen auch hier nicht.

Das Kernstück der Organisation vor Ort ist die wöchentliche Versammlung am Montag Abend. Sie geht von 16 Uhr bis 20 Uhr. Bei Bedarf werden jedoch auch weitere Versammlungen anberaumt. z.B. durfte ich an einem Dienstag von 17-20 Uhr die solidarische Landwirtschaft der Roten Beete, vom Anbau zur Organisation, sowie mein Forschungsinteresse vorstellen. Ich werde hier nochmal etwas zum Versammlungssystem CECOCESOLAs insgesamt schreiben.

Venezuela – Versuch einer Kurzeinsicht in die bolivarianische Republik


Bevor ich auf den Kooperativendachverband CECOCESOLA eingehe möchte ich zuerst etwas über die derzeitige Lage im Land berichten. Vor allem um zu zeigen unter welchen Bedingungen hier weitergearbeitet wird, während zwischen 3 und 4,5 Millionen Landsleute emigriert sind in den letzten zwei Jahren. Angeblich machen 30% ihre Papiere fertig um das Land zu verlassen. Bis die Reisepässe ausgestellt werden kann das anderthalb Jahre dauern. Niemand weiß ob da eine Regierungsstrategie hintersteckt oder z.B. ob die Chips importiert werden müssen und nicht geliefert oder bezahlt werden können. Oder alles zugleich. Ein wenig erinnert das an die Auswanderungsangst in der frühen DDR vor dem Mauerbau.

Ökonomie

Die Inflationsrate lag jetzt eine Weile bei ca. 3% täglich. Mittlerweile sind die Dollars die ich mitnahm etwa 8 mal soviel Bolivares wert, wie als ich ankam. Um einen Eindruck zu vermitteln was das konkret bedeutet: Ein halbes Kilo Käse kostet einen CECOCESOLA Angestellten mindestens 3 Tageslöhne. Wobei in CECOCESOLA nicht von Löhnen gesprochen wird, sondern von „Anticipios“, d.h. dem Vorschussanteil auf den zu erwartenden Gesamtgewinn. Diese werden zur Zeit wöchentlich angepasst. Der Anticipio liegt derezeit etwa beim vierfachen des Mindestlohnes im Land nach Angaben eines Kooperativenmitglieds. D.h. jemand mit einem 10€ Stundenlohn in Deutschland kann in einer Stunde soviel verdienen, wie ein CECOCESOLAner in einem Monat.

Es gab ein Umfrage in der 1,25 Millionen Stadt Barquesimeto in der ich mich gerade befinde, in der die auf den Märkten von CECOCESOLA einkaufenden angaben 90% ihres Einkommens dort zu lassen, hauptsächlich in Lebensmitteln. Nach eigenen Berechnungen von CECOCESOLA liegt ihr Marktanteil beim Gemüse bei etwa 35%. Das heißt über 350.000 Menschen die in Barquesimeto bei CECOCESOLA einkaufen geben 90% ihres Einkommens für Lebensmittel aus.

Das Benzin kostet hier fast gar nix: Eine Tankfüllung kostet 5 Bolivares. Für einen Dollar (etwa 90cent) bekommt man gerade ca. 6000 Bolivares. Man kann also mittlerweile 1200 Tankfüllungen für 90 Eurocent machen. Ein kg Gemüse auf den durchschnittlich 30% billigeren CECOCESOLA Märkten kostet entweder 450, 900 oder 1200 Bolivares, je nach Zustand und Sorte.

Die Kooperativisten verdienen hier gerade etwa 1200 Bolivar am Tag. Manche Produkte sind günstig, Trinkwasser aber z.B. können 25l locker 250 Bolivar kosten. Viele haben also Filter an ihr Leitungswasser angeschlossen. Immer häufiger kommt es zu Engpässen in der Gasversorgung in Form von Gasflaschen. Auch Wasserknappheit wird zum Problem.

Eines der Hauptnahrungsmittel sind arepas, die aus Maismehl gebacken werden. Importgüter wie Haferflocken sind dagegen unbezahlbar: Ein Kilo kostet mehrere Tageslöhne. Faustregel ist, dass alles was nicht aus Venezuela kommt gar nicht mehr bezahlbar ist.

Alles diese Zahlen sind morgen schon wieder überholt.

Politik

Venezuela ist politisch gesehen nicht erst seit Hugo Chavez eine gespaltene Gesellschaft. Ich will hier wirklich nur in aller Kürze die Situation umreißen.

1999 bis zu seinem Tode 2013 versuchte Hugo Chavez als gewählter Präsident das, was ihm als Putschist im Movimento Bolivariano Revolucionario 200 Anfang der 80er Jahre nicht gelang: Ein Umverteilung des Reichtums der Schlüsselindustrien durch deren Verstaatlichung. Venezuela ist rohstofftechnisch eines der reichsten Länder der Welt. Es gehört zu den erdölreichsten 5 Ländern und ist auch reich an seltenen Erden und Metallen, wie z.B. Kobalt. Die Faustregel des (neo)kolonialistischen Zeitalters trifft auch hier zu: Je mehr Rohstoffe ein Land des globalen Südens besitzt, desto größer die Gefahr der Armut und der Korruption für den Großteil der Bevölkerung. Ich möchte hier an das 1971 erschienene Klassiker Buch „las venas abiertas de America Latina“ des Uruguayers Eduardo Galeano erinnern. Heute wird viel der Begriff des „extractivismo“ verwendet. Dieser umfasst das gesamte System der Erschließung des globalen Südens zum schnelleren gewinnen und heraus transportieren von Ressourcen.

Chavez scheiterte Anfang der 90er Jahre mit einem Putschversuch, der ihn allerdings berühmt und bei vielen beliebt machte. Nachdem er seine Strafe abgesessen hatte wurde er 1999 zum Präsidenten gewählt. Er berief sich auf das Erbe Simon Bolivars und kämpfte in diesem Geiste für die Unabhängigkeit seines Landes und seines Kontinents von den Kolonialmächten. Seine Maßnahmen dazu waren und sind extrem umstritten. Seine Idee Basisorganisationen auf allen Ebenen zu fördern konnte er mit den hohen Ölpreisen der 2000er Jahre fördern. Vielerorts entstanden die auch teilweise noch bestehenden consejos communales (kommunale Räte), sowie Kooperativen. Diese wurden wohl auch oft ausgenutzt (Korruption von unten). Auch sein autoritärer Regierungsstil und sein Umgang mit Oppositionellen, sowie seine Verträge mit Dispoten standen in der Kritik. Bei aller gerechtfertigter Kritik, muss natürlich auch auf das drohende Gewaltpotential von außen hingewiesen werden, denn Venezuela ist der Ölproduzent vor den Toren der USA. Die Verstaatlichung dieser Industrien erzeugte viel Widerstand. Auf privaten Fernsehsendern wurde offen zur Tötung des Präsidenten aufgerufen werden. Erst nach Jahren wurde dies durch die nicht Verlängerung der Sendelizenzen unterbunden. Kaum vorstellbar in Deutschland. Wieviel Minuten würde es wohl dauern bis interveniert wird, wenn auf RTL durch die Nachrichtensprecherin zur Tötung Merkels aufgerufen würde?

Zu dem misslungenen Putsch gegen Chavez habe ich vor Jahren mal diese Doku gesehen und finde sie unterhaltsam und sehenswert: https://www.youtube.com/watch?v=QXOmJPHny3g

Sicher ist, das der nur für wenige Stunden ins Amt geputschte Präsident Pedro Carmona neben der Unterstützung durch einige hohe Offiziere, sowie Teile der oberen Klasse, gute Kontakte in die USA hatte und sogar ein paar Monate vorher im weißen Haus empfangen wurde. Chavez Freilassung und seine Wiedereinsetzung zur Vollendung seiner Amtszeit als Präsident wurde auch durch die anderthalb Millionen Menschen erreicht, die vor dem Präsidentenpalast demonstrierten.

Erwähnt werden muss auch, dass die bolivarianische Verfassung vielleicht die in vielerlei Hinsicht fortschrittlichste ist, die es auf diesem Planeten gibt. Sie wird nur wie so oft nicht mit Taten gefüllt.

Chavez‘ Erbe

Offensichtlich ist aus heutiger Perspektive jedenfalls das desaströse Erbe seiner ökonomischen Politik. Von manchen Venezuelanern mit denen ich sprach wird ihm eine zu kurzfristig gedachte ökonomische Strategie vorgeworfen und ein zu großer Idealismus ohne fachliche Kompetenz. Zu wenig sei für die Unabhängigkeit vom Mineralöl getan worden obwohl mit einem Sinken der Barrelpreise hätte gerechnet werden müssen. Aber auch in diese Schlüsselindustrie selbst wurde zu wenig investiert. Die Fördermengen sinken immer weiter, was natürlich auch mit dem Abwandern von Fachkräften, den Ingenieuren, bzw. der Intelligenz überhaupt zu tun hat.

Heute: Maduro

Wurde dem Regime unter Chavez schon Korruption vorgeworfen, so ist es mit seinem Nachfolger Nicolás Maduro noch extremer. Seine populistische Politik besteht unter anderem darin Erhöhungen des Mindestlohns anzukündigen und Sonderzahlungen ausschütten zu lassen an Inhaber des „carnet de la patria“ (Vaterlandsausweis). Dies führt jedes mal direkt zu einem weiteren Ausufern der Inflation, da, wie jeder hier weiß, die Geldscheine dafür gedruckt werden. Die Korruption hat derartige Ausmaße angenommen, dass überall vom Raub durch die politische Klasse geredet wird. Was das bedeutet konnte ich am Beispiel einer Gemüseauslieferung mit einem Lastwagen miterleben. Etwa alle 25 km wurden wir von Polizisten angehalten und bei der Kontrolle der Frachtpapiere lag immer ein 50 Bolivarschein drin.

Die Haltung der Bevölkerung zur nationalen Politik

Zusammengefasst kann von einer nahezu völligen Apathie gesprochen werden. Ein Einwirken auf die große Politik gibt es nicht. Nach einer Periode der Begeisterung für und des Kampfes gegen Chavez scheint mir dies wie eine Art ernüchterte Reaktion. Leider gibt es aus dieser Starre heraus bei keiner der Menschen mit denen ich geredet habe eine Vision von politischer Veränderung. Mensch wartet auf den Untergang, auf einen Putsch, auf einen Heiland oder irgendein Wunder. Sich durchwurschteln ob individuell, familiär oder anderweitig kollektiv scheint in der Post-Chavez Ära die Grundhaltung zu sein.

Kommune Niederkaufungen, Lossehof & VillaLocumuna 3.7.-11.7.

text folgt noch

DSC00609
Das selbst gebastelte Abflammgerät.

DSC00608
Der Brenner

DSC00607
Die Gasflasche wird auf das Rad montiert und bildet so ein Gegengewicht zum Brenner

DSC00606
Ein Geräteträger und ein Deutz.

DSC00605
die selbst gebaute Spindelhacke für den Zwischenachsanbaukann auseinander- und zusammengezogen werden je nachdem wieviel Reihen zu hacken sind

DSC00604
Die vorderen Hackkörper gehen etwa 3-4 cm in den Boden rein und treiben damit die hinteren an. Die Übersetzung in dem roten Kasten ist so, dass die Hackkörper hinten deutlich schneller rotieren. Erst wird also der Boden gelockert und dann das Unkraut raus gerissen. Ziel war eine nicht schmierende, sondern krümmelnde Hacktechnik.

DSC00603
der stark beharrte Eber….

DSC00602
…bewegte sich leider etwas fix fürs Foto. Die Schweine bekommen die Molke und Küchenabfälle

DSC00601
Mein erstes mal anmelken mit der Hand. Die Milch wird zu einem großen Teil zu Käse verarbeitet.

DSC00600
der kleine Elektro LKW.

DSC00599
Der Hühnermist mit auswaschungschutz

DSC00597
Unter dem Hühnermobil

DSC00596
zur Fahrt könen die Reifen weiter unten angebracht werden um genug Bodenfreihet für den Hänger zu erlangen

DSC00595
Das Rad in Parkstellung (kaum Bodenfreiheit)

DSC00594
Die organgene Röhre enthält das Wasser, der Tank kann mit Medizin befüllt werden.

DSC00593
Das Hühnermobil hat einige Sicherungen…

DSC00592
Christine hat noch eine Gitterseitentür eingebaut wegen besserer Durchlüftung

DSC00591
Hühner scharren um die Obstbäume herum und ersparen Düngung und teilweise auch das Baumscheibenhacken.

DSC00590
eine Trockenbadgarantie

DSC00589
Die Beschattung mit selbstgebauten schiebbaren untersatz

DSC00588
Die Eierklappe ist von draußen zu öffnen. Die Hühner können von drinnen hinein, bis sich vormittags die Eingänge automatisch verschließen. Die Eier liegen in Dinkelspälzen und können von außen entnommen werden. Das versinken der Eier verringert die Wahrscheinlichkeit einer Beschädigung durch die Hennen

DSC00587
Christine und ihr Mobil von der Seite

DSC00586

DSC00585
der Anzuchttunnel mit Mistfrühbeet

DSC00584
Blick auf Möhren und dahinter die Saatgutvermehrung

DSC00583
die Folientunnel sind per Kurbel seitlich zu öffnen

DSC00582
ein hydraulischer Widder pumpt Wasser in einen Tank mit der Kraft des fliessenden Wassers, völlig ohne weitere Energiezufuhr. Damit soll der Druck in dem Tank soweit erhört werden, dass die Sprenkler im Folientunnel laufen. Hier ein Video zur Erklärung der Funktionsweise: https://www.youtube.com/watch?v=HYciQ3p3K8M

G20 – weil es mich nicht kalt lässt…

Hallo Leute,

Ich habe mich in den letzten Tagen viel über die Ereignisse und die Berichterstattung über die G20 Proteste geärgert (Wider besseren Wissens ihrer Funktionalität zugegeben…). Angefangen bei der Polizeistrategie eine gewaltige aber friedliche Demonstration anzugreifen und sie mit Wasserwerfern allesamt in den Vierteln zu verteilen und ihnen zu demonstrieren das friedlicher Protest nicht stattfinden kann, bis zu den konterrevolutionären Aktionen die kein Linker gutheißen kann: Kleinwagen wurden angezündet, während ein Mercedes unversehrt daneben steht (nicht das ich das anzünden von teuren Autos mit zu vermutender Vollkasko sinnvoll finde), Kleine Geschäfte entglast, während daneben eine Bank unversehrt steht und Leute, die geschlagen wurden für das Verteidigen ihres Viertels vor konterrevolutionärem Vandalismus. Ortsansässige Geschäftsleute, die selber darunter gelitten haben, haben ein schönes Statement verbreitet. Weiter unten habe ich es in diesen Blogbeitrag eingefügt. Dem habe ich lediglich hinzuzufügen, dass ich nicht an eine reine Bespaßungs- und Wutrauslassungsaktion eines bunten(!) Mobs glaube, sondern dass bezahlte Agenten gezielt kleine Läden und kleine Autos zerstört haben. Ich glaube auch nicht an die öffentlichen Stellungnahmen des Gewaltmonopols es wäre zu sehr mit dem Schützen der Veranstaltung beschäftigt gewesen um im Schanzenviertel einzuschreiten. Das ist mir bei 20.000 Beamten nicht glaubhaft vermittelbar selbst wenn diese auch Pausen brauchen. Ich glaube vielmehr, dass – wie vielerorts beschrieben – über mehrere Tage Druck gemacht wurde auf die Menschen in Hamburg (nicht nur die Demonstranten), und dann bewusst das Schanzenviertel sich selbst überlassen wurde. Ich hoffe wir verlernen nie die Frage zu stellen: wem dient es?

Wem dient die Nicht-Distanzierung der inteverntionistischen Linken von den dämlichen Anschlägen auf die Deutsche Bahn? Sie diente weder der Blockade oder Sabotage irgendwelcher gipfel-relevanter Infrastruktur noch der Sympathischöpfung bei den Leid tragenden Fahrgästen. Also weg mit dem Distanzierungstabu innerhalb der autonomen Linken bei hirnverbrannten militanten Aktionen!

 

Terrorabwehr?  Nicht da wo sie nötig is!

Ich hatte (glaube ich in der Samstagsausgabe der TAZ vom 8.7., leider ist das Archiv gerade nicht verfügbar gewesen) einen Bericht von einer TAZ Journalistin gelesen, die mit ihrer Kollegin durch die Kontrollen durch ist und nur ihren Journalismus Ausweis kurz hoch gehalten hat. So stand sie mit ihrer Kollegin nach kurzer Zeit mit völlig unkontrollierten Taschen direkt am Empfang des G20. Mit einem simplen Remake eines Journalisten Ausweises hätten sie z.B. Trump mit in die Luft sprengen können. Dies hat sie dem dortigen Einsatzleiter ungläubig mitgeteilt, da sie keinen Bock auf weitere Einschränkungen der Bürgerrechte und sonstige Konsequenzen eines solchen Anschlags hat. Dieser, anscheinend ebenso verwirrt, lief dann mit der Journalistin zu dem entsprechenden „Kontrollbeamten“. Dieser sagte er sei nicht mit der Kontrolle beauftragt worden. Es war also beim G20 in diesem Moment niemand zuständig für die Kontrolle der Leute, die direkt bis an die Herrschenden ran kamen. Ist sowas die gewaltigste Panne der Sicherheitsorgane überhaupt, oder gibt es dabei ein Kalkühl? Wem dient es?

 

 

<https://www.facebook.com/BistroCarmagnole/posts/1451018668300206>
Bistro Carmagnole

+++ STELLUNGNAHME ZU DEN EREIGNISSEN VOM WOCHENENDE +++

Wir, einige Geschäfts- und Gewerbetreibende des Hamburger
Schanzenviertels, sehen uns genötigt, in Anbetracht der
Berichterstattung und des öffentlichen Diskurses, unsere Sicht der
Ereignisse zu den Ausschreitungen im Zuge des G20-Gipfels zu schildern.
In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 2017 tobte eine Menge für Stunden
auf der Straße, plünderte einige Läden, bei vielen anderen gingen die
Scheiben zu Bruch, es wurden brennende Barrikaden errichtet und mit der
Polizei gerungen.

Uns fällt es in Anbetracht der Wahllosigkeit der Zerstörung schwer,
darin die Artikulation einer politischen Überzeugung zu erkennen, noch
viel weniger die Idee einer neuen, besseren Welt.
Wir beobachteten das Geschehen leicht verängstigt und skeptisch vor Ort
und aus unseren Fenstern in den Straßen unseres Viertels.
Aber die Komplexität der Dynamik, die sich in dieser Nacht hier Bahn
gebrochen hat, sehen wir weder in den Medien noch bei der Polizei oder
im öffentlichen Diskurs angemessen reflektiert.
Ja, wir haben direkt gesehen, wie Scheiben zerbarsten, Parkautomaten
herausgerissen, Bankautomaten zerschlagen, Straßenschilder abgebrochen
und das Pflaster aufgerissen wurde.
Wir haben aber auch gesehen, wie viele Tage in Folge völlig
unverhältnismäßig bei jeder Kleinigkeit der Wasserwerfer zum Einsatz
kam. Wie Menschen von uniformierten und behelmten Beamten ohne Grund
geschubst oder auch vom Fahrrad geschlagen wurden.
Tagelang.
Dies darf bei der Berücksichtigung der Ereignisse nicht unter den
Teppich gekehrt werden.

Zum Höhepunkt dieser Auseinandersetzung soll in der Nacht von Freitag
und Samstag nun ein „Schwarzer Block“ in unserem Stadtteil gewütet haben.
Dies können wir aus eigener Beobachtung nicht bestätigen, die außerhalb
der direkten Konfrontation mit der Polizei nun von der Presse beklagten
Schäden sind nur zu einem kleinen Teil auf diese Menschen zurückzuführen.
Der weit größere Teil waren erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure
und Partyvolk, denen wir eher auf dem Schlagermove, beim Fußballspiel
oder Bushido-Konzert über den Weg laufen würden als auf einer
linksradikalen Demo.
Es waren betrunkene junge Männer, die wir auf dem Baugerüst sahen, die
mit Flaschen warfen – hierbei von einem geplanten „Hinterhalt“ und
Bedrohung für Leib und Leben der Beamten zu sprechen, ist für uns nicht
nachvollziehbar.
Überwiegend diese Leute waren es auch, die – nachdem die Scheiben
eingeschlagen waren – in die Geschäfte einstiegen und beladen mit
Diebesgut das Weite suchten.
Die besoffen in einem Akt sportlicher Selbstüberschätzung mit nacktem
Oberkörper aus 50 Metern Entfernung Flaschen auf Wasserwerfer warfen,
die zwischen anderen Menschen herniedergingen, während Herumstehende mit
Bier in der Hand sie anfeuerten und Handyvideos machten.
Es war eher die Mischung aus Wut auf die Polizei, Enthemmung durch
Alkohol, der Frust über die eigene Existenz und die Gier nach Spektakel
– durch alle anwesenden Personengruppen hindurch –, die sich hier Bahn
brach.
Das war kein linker Protest gegen den G20-Gipfel. Hier von linken
AktivistInnen zu sprechen wäre verkürzt und falsch.

Wir haben neben all der Gewalt und Zerstörung an dem Tag viele
Situationen gesehen, in denen offenbar gut organisierte, schwarz
gekleidete Vermummte teilweise gemeinsam mit Anwohnern eingeschritten
sind, um andere davon abzuhalten, kleine, inhabergeführte Läden
anzugehen. Die anderen Vermummten die Eisenstangen aus der Hand nahmen,
die Nachbarn halfen, ihre Fahrräder in Sicherheit zu bringen und
sinnlosen Flaschenbewurf entschieden unterbanden. Die auch ein Feuer
löschten, als im verwüsteten und geplünderten „Flying Tiger Copenhagen“
Jugendliche versuchten, mit Leuchtspurmunition einen Brand zu legen,
obwohl das Haus bewohnt ist.
Es liegt nicht an uns zu bestimmen, was hier falsch gelaufen ist, welche
Aktion zu welcher Reaktion geführt hat.
Was wir aber sagen können: Wir leben und arbeiten hier, bekommen seit
vielen Wochen mit, wie das „Schaufenster moderner Polizeiarbeit“ ein
Klima der Ohnmacht, Angst und daraus resultierender Wut erzeugt.
Dass diese nachvollziehbare Wut sich am Wochenende nun wahllos, blind
und stumpf auf diese Art und Weise artikulierte, bedauern wir sehr. Es
lässt uns auch heute noch vollkommen erschüttert zurück.
Dennoch sehen wir den Ursprung dieser Wut in der verfehlten Politik des
Rot-Grünen Senats, der sich nach Außen im Blitzlichtgewitter der
internationalen Presse sonnen möchte, nach Innen aber vollkommen
weggetaucht ist und einer hochmilitarisierten Polizei das komplette
Management dieses Großereignisses auf allen Ebenen überlassen hat.
Dieser Senat hat der Polizei eine „Carte Blanche“ ausgestellt – aber
dass die im Rahmen eines solchen Gipfels mitten in einer Millionenstadt
entstehenden Probleme, Fragen und sozialen Implikationen nicht nur mit
polizeitaktischen und repressiven Mitteln beantwortet werden können,
scheint im besoffenen Taumel der quasi monarchischen Inszenierung von
Macht und Glamour vollkommen unter den Tisch gefallen zu sein.
Dass einem dies um die Ohren fliegen muss, wäre mit einem Mindestmaß an
politischem Weitblick absehbar gewesen.
Wenn Olaf Scholz jetzt von einer inakzeptablen „Verrohung“, der wir „uns
alle entgegenstellen müssen“, spricht, können wir dem nur beizupflichten.
Dass die Verrohung aber auch die Konsequenz einer Gesellschaft ist, in
der jeglicher abweichende politische Ausdruck pauschal kriminalisiert
und mit Sondergesetzen und militarisierten Einheiten polizeilich
bekämpft wird, darf dabei nicht unberücksichtigt bleiben.

Aber bei all der Erschütterung über die Ereignisse vom Wochenende muss
auch gesagt werden:
Es sind zwar apokalyptische, dunkle, rußgeschwärzte Bilder aus unserem
Viertel, die um die Welt gingen.
Von der Realität eines Bürgerkriegs waren wir aber weit entfernt.
Anstatt weiter an der Hysterieschraube zu drehen sollte jetzt
Besonnenheit und Reflexion Einzug in die Diskussion halten.
Die Straße steht immer noch, ab Montag öffneten die meisten Geschäfte
ganz regulär, der Schaden an Personen hält sich in Grenzen.
Wir hatten als Anwohner mehr Angst vor den mit Maschinengewehren auf
unsere Nachbarn zielenden bewaffneten Spezialeinheiten als vor den
alkoholisierten Halbstarken, die sich gestern hier ausgetobt haben.
Die sind dumm, lästig und schlagen hier Scheiben ein, erschießen dich
aber im Zweifelsfall nicht.

Der für die Meisten von uns Gewerbetreibende weit größere Schaden
entsteht durch die Landflucht unserer Kunden, die keine Lust auf die
vielen Eingriffe und Einschränkungen durch den Gipfel hatten – durch die
Lieferanten, die uns seit vergangenem Dienstag nicht mehr beliefern
konnten, durch das Ausbleiben unserer Gäste.
An den damit einhergehenden Umsatzeinbußen werden wir noch sehr lange zu
knapsen haben.

Wir leben seit vielen Jahren in friedlicher, oft auch
freundschaftlich-solidarischer Nachbarschaft mit allen Formen des
Protestes, die hier im Viertel beheimatet sind, wozu für uns
selbstverständlich und nicht-verhandelbar auch die Rote Flora gehört.
Daran wird auch dieses Wochenende rein gar nichts ändern.

In dem Wissen, dass dieses überflüssige Spektakel nun vorbei ist, hoffen
wir, dass die Polizei ein maßvolles Verhältnis zur Demokratie und den in
ihr lebenden Menschen findet, dass wir alle nach Wochen und Monaten der
Hysterie und der Einschränkungen zur Ruhe kommen und unseren Alltag mit
all den großen und kleinen Widersprüchen wieder gemeinsam angehen können.

Einige Geschäftstreibende aus dem Schanzenviertel

BISTRO CARMAGNOLE
CANTINA POPULAR
DIE DRUCKEREI – SPIELZEUGLADEN SCHANZENVIERTEL
ZARDOZ SCHALLPLATTEN
EIS SCHMIDT
JIM BURRITO’S
TIP TOP KIOSK
JEWELBERRY
SPIELPLATZ BASCHU e.V.
MONO CONCEPT STORE
BLUME 1000 & EINE ART
JUNGBLUTH PIERCING & TATTOO
SCHMITT FOXY FOOD

Wurzelwerke Escherode 25.6.-3.7.

1. Objektive Daten

# Rechtsform: GbR zu dritt, wobei eine Person nicht Teil des Gärtnereiteams ist

# Fläche: 6ha, Kleegras, Pferde davon 2,6ha reines Gemüse

# Gärtner_Innenteam: 2 Gärtnerinnen, 3 Lehrlinge,

# Die Arbeitszeit etwa 40 Stunden

# Finanziert anonyme Bieterrunde , vorher offen(wie weit gehen die Gebote auseinander?)

# Versorgt 230 davon 100 aus Kommunen, 30 aus Abokiste

# Anteilsgröße: „ordentlich“

# Besteht seit 7 Jahren

# Organisation: Gastwerke als Verein besitzt Gelände, Konsenprinzip

Wurzelwerke GbR, Konsensprinzip mit Mitarbeitern

# Maschinisierung: Grundbodenbearbeitung zu 75 % mit Fendt Gt360 75PS, Pflanzen mit Elfer Deutz, Hacken & Häufeln und 15% der Grundbodenbearbeitung mit Pferd. Vorderwagen mit Hydraulik

# Bewässerung: Wasser aus Zisterne wird mit Traktor hoch gefahren zum Feld. Bewässerug im Tunnel mit Schirmregnern.

# Lagerung: Mantelkühlhaus, Auch die Kaufunger lagern hier ein. 800 Kohls

# Verteilstationen: mehrere in Kassel, eine in Kaufungen und Escherode

# Boden: eher tonig

# Azubis: 3

Eigene Eindrücke

Verteilung

Der Betrieb scheint mir einen ordentlichen Output an Gemüse zu produzieren. Durch die Kollaboration mit der Roten Rübe der Kommune Niderkaufungen können auch noch Kräuter und etwa 4 Eier pro Portion angeboten werden. Beide zusammen bilden die Solawi Kassel. Es wird zwei mal wöchentlich ausgefahren, wobei jedes Kollektiv einmal dran ist. Aufgrund der wenigen Kilometer Entfernung kann die jeweils andere Gärtnerei auf dem Ausfahrweg angefahren werden um die ergänzenden Produkte abzuholen. Produziert die Rote Rübe in einer Woche beispielsweise nicht eine ausreichende Zahl an Zucchini, kann die fehlende Zahl ggf. noch eingeladen werden. Bei der Lieferung ist so eine höhere Kontinuität möglich.

Solawi – Markt – Hofladen – Abokisten – Mischform

Mit dem Gemüse des Wurzelwerks wird nicht nur die Solawi bestehend aus einzelnen Abnehmern und den zwei Kommunen Niderkaufungen und Gastwerke versorgt, sondern auch der Hofladen und die Abokiste. Diese beziehen genauso Anteile wie die anderen Solawist@s. Zusätzlich wird auch ein bestimmter Teil der Jungpflanzen im Frühjahr auf einem Markt verkauft. Da die Gewinnmarge bei der Jungpflanzenproduktion deutlich höher ist als bei der Gemüseproduktion (so die Jungpflanzen für Preise zwischen 1,5€ und 3,50€ verkauft werden), kann das Budget der Solawi etwas entspannt werden. Im Bezug auf die Arbeitsbedingungen ist allerdings anzumerken, dass die saisonale Arbeitsspitze in der Jungfplanzenproduktion sich mit der Arbeitsspitze beim Pflanzen und Pflegen der (vor allem der Lager-) Gemüsekulturen bis zu ihrer Etablierung überschneidet.

Ein weiterer Aspekt ist für mich der Eindruck, dass sobald eine nicht kontinuierliche Vertriebsform – also eine nicht-Solawiform – in einem Betrieb existiert, Marktverhalten in den Betrieb einziehen muss. Um ein Beispiel zu nennen: Der Zwang gleichförmige(re)s Gemüse zu produzieren steigt und es werden z.B. Hybridsorten eingesetzt, oder Paprikas werden nicht bereits grün geerntet, sondern erst wenn sie rot sind, wodurch die Produktivität der Pflanze weniger gefordert wird. Eine geringere Erntemenge ist die Folge. Klar hat eine rote Paprika eine andere Qualität, aber diese ist abzuwägen gegenüber einem Vollversorgungsanspruch. Auch muss natürlich die einer Gärtnerei zur Verfügung stehende Gewächshausfläche in Betracht gezogen werden, die im Wurzelwerk so dekadent groß ist, dass die Folientunnel zum Unterstellen von Geräten oder zukünftigen Außenküchen dienen. Dies liegt daran, dass der Betrieb diese Gewächshäuser schon auf dem Gelände vorgefunden hat, da hier eine Forstversuchsanstalt war.

Erweiterung

In den beiden benannten Gärtnereien wurde gerade über ein weiteres Wachstum der Anteile auf 250 und die Hinzunahme weiterer Flächen bei einer weiteren Kommune in der Gegend entschieden. Dort ist auch unter anderem Milchviehaltung im Gespräch. Hier in der Solawi Kassel wird die Frage ob mehr einzelne Kollektive oder ein großer Zusammenschluss die Stadt versorgen sollen klar beantwortet, während in Leipzig bereits mindestens vier Solawis „nebeneinander“ existieren.

Auf beiden Seiten gibt es schlagkräftige Argumente. Beantworten lässt sich die Frage nur durch eine Festlegung von Prioritäten und Zwecken, die eine solidarische Landwirtschaft erfüllen soll.

Deswegen sind einige der Argumente, die ich im folgenden kurz aufliste für manche Projekte mehr, weniger, oder gar nicht relevant.

Pro Solawizusammenschluss und Monopolstellung

# Potentiell kann eine breitere Produktpalette angeboten werden

# der Ausgleich der Ausfälle einzelner Kulturen auf den einzelnen Höfen kann leichter vorgenommen werden (einzelne Solawis können sich auch austauschen, das erfordert aber mehr Kommunikation, ist aber bei der Roten Beete auch schon passiert)

# Konkurrenz zwischen Solawis um Mitglieder wird auf verschiedenen Ebenen verhindert: ökonomischer Wettbewerb, sozial/politisch

Contra Solawizusammenschluss

# Mitglieder können sich nicht entscheiden welchen Hof sie unterstützen wollen

# Die Verbundenheit zu einem einzelnen Projekt sinkt. Der Spruch:„Eine Gemeinschaft trägt einen Hof“ gilt dann nicht mehr.

# Vermutlich sinkt die Bereitschaft zur Mitarbeit der Mitglieder in den Projekten, bzw. das Verantwortungsbewusstsein der Mitglieder für einen Hof. (Mitarbeit von Mitgliedern ist bei den Wurzelwerken nur mit Kontinuität möglich, also ein ganz anderes Model solidarischer Landwirtschaft)

# Mitglieder müssen gleich mehreren Betrieben vertrauen, bei gleichzeitig höherer Anonymität

# Etats müssen von den Solawis zusammen aufgestellt werden

# Koordinierungsaufwand zwischen den Gärtnerteams/Landwirten entsteht.

# kollektive Entscheidungsstrukturen (so sie gewünscht/vorhanden sind und je nach Anspruch, z.B: Konsens oder Mehrheitsentscheidung) werden komplexer.

Stabilität des Mitgliederstamms

Die Solawi Kassel hat nach Gärtner Jürgen nur etwa 5% Wechsel pro Jahr. Interessant ist die Beobachtung, dass diese Wechsel vor allem in den großen Verteilstationen passieren. Jürgen führt dies auf die höhere Anzahl von Missverständnissen durch die größere Anonymität zurück.

Durch die Monopolstellung der Solawi Kassel ist natürlich ein Wechsel der Solawi nicht möglich.

Teamstabilität

zwei der GärtnerInnen des Gründungsteams sind seit 7 Jahren dort. Leider gab es bei den übrigen Teammitgliedern viele Wechsel. Klar ist, das in einer Organisation, bei der die Abläufe und Routinen schon klar sind, Neueinsteiger ersteinmal vor einer Wand bewährter Routinen zu stehen scheinen. Dies wird durch den Anspruch ein gleichberechtigtes Arbeitskollektiv sein zu wollen noch schwieriger zu akzeptieren. Aus der Perspektive der Alteingesessenen (vor allem wenn es sich auch noch um GründerInnen handelt) ist die Bereitschaft ein running system zu verändern erstmal gering.

Denn warum ändern was schon lange funktioniert hat. Um diesen Spalt zwischen neuen und alten Mitgliedern der Organisation zu schließen braucht es viel Geduld und guten Willen auf beiden Seiten. Im gemeinsamen Dialog muss eine gesunde Mischung aus dem Übernehmen vom Routinen durch die neuen, sowie einer Wertschätzung für das funktionierende Bestehende und dem Zulassen von Veränderungen und Ideen auf Seiten der Organisationsälteren, gefunden werden.

Dies wird bei den Wurzekwerken durch das bestehen einer fachlichen Hirarchie auf der theoretischen Wissens- und der Erfahrungswissensebene sicherlich erschwert, denn die drei „neuen“ sind noch Azubis. Dennoch denke ich, dass eine höhere Teamstabilität durch eine schnelle Übertragung von klar abgegrenzten mittel- oder längerfristigen Verantwortungsbereichen erreicht werden kann. Die Identifikation des Einzelnen mit der Organisation wird durch die Verantwortung für etwas „Eigenes“ erreicht und die Einzelnen können an ihren Aufgaben wachsen und sich hineinfuchsen.

Soweit meine schlauen Ratschläge 😉

 

 

DSC00559
Das „MAXI“, wie die WurzelwerkerInnen ihren doppelt befolten Tunnel nennen. Er stammt wie die anderen Tunnel auch aus der Forstversuchsanstalt, die hier Bäume heranzog. Mira zeigt wie groß es ist 😉

DSC00560
In einem der Folientunnel baut ein anderes Kollektiv der Gemeinschaft der Gastwerke einen Sanitärtrakt für den späteren Seminarbetrieb mit Stampflehmwänden und Betonfundament

DSC00561
Einer der Tunnel dient als Schlepperwerkstatt und Geräteschuppen der Gärtnerei

DSC00563
Die Quelle „Habichtsborn“ geht auf eine Urkunde Kaiser Karls zurück, der einem Anführer und seinem Gefolge hier die Niederlassung per Urkunde erlaubte. Da der Rinnsal kaum taugte musste ich gezwungener Maßen meinen Durst auf andere Weise stillen…

DSC00564
Eine selbst gebastelte Holzbündel-Transportvorrichtung. Sie lässt sich mit Dreipunktaufhängung am Schlepper anbringen. Durch das Flachband auf den Rollen können an zwei Stellen die Holzbündel zusammengeschnürt werden. Natürlich ist eine entsprechende Scheitlänge erforderlich.

DSC00565
Hier nocheinmal von der Seite…

DSC00568
Die Wurzelwerker müssen ihr Gemüse durch ein grobmaschiges Netz vor Wildverbiss schützen, da sie mit ihren Flächen direkt an den Wald angrenzen. Leider ein wie man hier sieht recht verschlemmter toniger Boden.

DSC00569
leckere dicke Bohnen, die etwa drei mal durch geerntet werden. Hier sind sie völlig lausfrei

DSC00570
Die Yacón bilden neben ihren Wurzeln Knollen, die Melonig/Gurkig frisch schmecken sollen und sich problemlos lagern lassen wie Kartoffeln.

Yacon
Hier ein Yacón-Bild aus Wikipedia. Es handelt sie um ein Gewächse aus der Familie der Korbblütler. Urspung ist das Hochland von Peru und der Norden von Argentinien.

DSC00571
Das Yacón Beet mit den überdachten Freiland Tomaten. Die Dämme sind in zwei Überfahrten mit dem Pferd gezogen.

DSC00572
Sellerie und Zucchinis, daneben Kohls unter Netz. Im Hintergrund zwei weitere Tunnel…

DSC00573
Im gemulchten Kleegras ist der Boden hier trotz Feuchtigkeit hart und verdichtet. Ob das nur der Tongehalt ist oder auch der überdimensionierte Fendt 320? (Oder 340?)

DSC00574
von uns frisch gepflanzt und aufgebundene Melonen links und rechts frisch aufgebundene Bohnen.

DSC00575
ein mehrjähriges Neuseeländerspinatbeet fertig zur Bepflückung.

DSC00576
um die Höhe des Aufwuchses zu bewundern nochmal aus der Perspektive eines Huhnes 😉

DSC00577
die Heiztechnik des Gewächshauses.

DSC00578
Das Vorgespann mit bequemem Kutschbock, Motor zur Zapfwellenantreibung…

DSC00579
…mit austausch-/ und aushebbaren Geräten

DSC00580
Das beheizare Jungpflanzenanzuchthaus, nebenan: zwei weitere…

Oekofeldtage 21.6.2017

Ja liebe Leute. Fuer mich ergab sich die gluecklich Moeglichkeit die ersten deutschen Oekofeldtage im Staatsgut Frankenhausen zu besuchen. Natuerlich ist das eine gigantische Werbeveranstaltung. Eigentlich waere der Name Messe etwas ehrlicher. Aber es gab ja auch einige inhaltliche Vortraege und Diskussionen. Ich habe mich hauptsaechlich fuer die Maschinenvorfuehrungen interessiert und mit die kompletten Hack- und Grubbertechnikvorfuehrungen rein gezogen. Dazu die Fotos unten…

 

DSC00538
Der GEO Hobel konnte mit seinem flachen Unterschnitt des Kleegrases ueberzeugen. Der Traktorfahrer behauptete dies ginge auch bei Bestaenden von 1,80m Aufwuchshoehe. Hier ein Video https://www.youtube.com/watch?v=ncWC25_eres

DSC00539
die Walze dient der Rueckverfestigung, der Schlauch den man sieht kann fuer eine direkte Saat genutzt werden. Unteschneiden und aussaehen in einem Arbeitsgang.

DSC00540
Von allen Fluegelschaargrubbern fande ich das Model von Treffler am ueberzeugensten, auch weil keinerlei Zapfwellenantrieb notwendig ist. Entscheident fand ich aber die Idee vor dem Fluegelschaargrubber noch eine Messerwalze laufen zu lassen, die die Grassoden schonmal quer zur Fahrtrichtung ritzte und so den Fluegelscharen die Arbeit erleichtert. Leider habe ich die wohl nicht fotografiert.

DSC00541
Hier die Zustreicher, kraeftig aber dennoch flexibel. Ganz gut geloest finde ich…

DSC00542
die wie eine Wippe gelagerten Scheiben steuern die Tiefenfuehrung mechanisch. Auch der Trefflergrubber kann Unterschneiden und Aussaehen in einem Arbeitsgang.

DSC00543
Ergebnis von Treffler: auf 2 bis 3 cm unterschnitten, kaum Fehlstellen.

DSC00544
verstaerkte Striegelzingen hinten am Trefflergrubber

DSC00545
Ein Riesen Jaehteflieger mit Ueberdachung. Die Liegen scheinen mir leicht nachbaubar zu sein wenn man einen Sattler kennt…

DSC00546
Dieser Unterschneider sorgt mit durch Zapfwellenantrieb auf und ab bewegbaren Anbau fuer ein noch einfacheres Ernten von Wurzelgemuese. Bei unserem sandigen Lehm aber wohl nicht noetig…vielleicht fuer schwere Boeden…

DSC00547
leicht versetzte halbe Gaensefuszhackschaare mindern die Versopfungsgefahr. Zwischen ihnen ist ein minimaler Zwischenraum. Der Rest des Beetes wird durch die Scheiben verschuettet. Ob das so gut funktioniert wie die gute alte Hohlschutzscheibenhacke?

DSC00548
Ein Dammanhaeufler von Ruthenberg mit dem obligatorischen Glattsreicher dahinter. Dann sehen die Daemme wie mit der Maurerkelle glatt gestrichen aus. Die Felder erinnern dann tatsaechlich an Fabrikhallen…

DSC00549
die ueberzeugenden Fingerhackschaare kosten leider neu pro Paar 750 Euro

DSC00550
Der neue Geraetetraeger von Terrateck. Eine interessante Firma auch mit coolen Handwerkzeugen (z.B. ein Handstriegel) http://www.terrateck.com//img/cms/TERRATECK_CATALOGUE_UK_27_JANVIER_BD.pdf

DSC00551
Das Huehnermobil bei Witzenhausen entwickelt, nutzt Dinkelspreu fuer eine sanfte Eiablage. Die Eier versinken darin langsam und werden so von den Huehnern nicht beschaedigt oder bebruetet. Durch die seitliche Oeffnung des Wagens koennen die Eier bequem entnommen werden.

DSC00552
Der grosze Vorteil der mobilen Huehnerhaltung ist die Verhinderung von frei geschaarten Flaechen rund um den Stall. Auch die Huehnergesundheit ist besser, durch die Ortswechsel. Unter dem Mobil befindet sich ein Kasten in dem eine Folie ausgebreitet wird. Auf diese wird regelmaeszig kurz gehaeckseltes Stroh ausgebracht. Hier koennen die Huehner auch bei Regen scharren. Die Plane wird nur einmal im Jahr gewechselt. Leider ist auch das kleinste Model fuer 225 Huehner ausgelegt….

DSC00553
Eine Art Daniel Duesentrieb des Demeterlanbaus praesentierte diese Praeperatspritze, die Praeparate fein zerstaeubt. Etwas merkwuerdig kommt mir das ausbringen extra mit Hand geruehrter und verzauberter Preparate durch diese Technik ja schon vor….

DSC00554
Ein Traktor der mit Erdgas faehrt…