22.08.26 | ESG Göttingen Nikolausberger Weg 27-29 37073 Göttingen Aus dem Netzwerk
Fit für Solawi-Workshop: Solawi-Resilienz stärken durch Produktpaletten-Erweiterung (Göttingen)
Steht eure Solawi vor der Herausforderung, Mitglieder langfristig zu binden oder neue zu gewinnen? Dieser halbtägige Fachvortrag mit anschließendem interaktiven Workshop bietet fundierte Einblicke und praktische Lösungsansätze. Diese Veranstaltung wird im Rahmen des „Fit für Solawi“ Projekts gefördert und ist daher kostenfrei.
In Zeiten, in denen viele Menschen das zeitsparende „One-Stop-Shopping“ im Supermarkt bevorzugen und sogar der klassische Naturkost-handel unter Druck gerät, müssen Solidarische Landwirtschaften neue Wege gehen. Eine vielversprechende Antwort auf diese Entwicklung ist die Erweiterung der eigenen Produktpalette.
Wie kann das in der Praxis gelingen, ohne die Kapazitäten im Ehrenamt oder in der Gärtnerei zu überfordern? Welche Produkte wünschen sich die Mitglieder? Und welche Organisationsformen – vom kollektiven Zukauf über autonome Depots bis hin zur Kooperation mit anderen Betrieben – passen zu eurer Struktur?
Dieser halbtägige Fachvortrag mit anschließendem interaktiven Workshop bietet fundierte Einblicke und praktische Lösungsansätze:
Forschung & Praxis: Präsentation aktueller Umfrage- und Forschungsergebnisse zur Produktpaletten-Erweiterung in Solawis
Überblick & Strategie: Wir beleuchten verschiedene Kooperations- und Erweiterungsmodelle und diskutieren spannende Thesen zur Zukunftsfähigkeit
Interaktive Fallarbeit: „Wo stehen wir und quo vadis?“ Arbeitet direkt an den Herausforderungen eurer eigenen Solawi und vertieft euch in erprobte Best-Practice-Beispiele.
Gemeinsame Umsetzung: Entwickelt konkrete nächste Schritte und vernetzt euch mit anderen Initiativen.
Lasst uns gemeinsam über den Tellerrand blicken und unsere Solawis krisenfest für die Zukunft aufstellen! Wir freuen uns auf einen inspirierenden und produktiven Nachmittag mit euch.
Referent: Karl Giesecke ist Diplom-Soziologe, Mitgründer der Solawi-Gemüsekooperative „Rote Beete“ und seit 2018 freiberuflicher Berater für Solawis. Durch Forschungs-projekte, internationale Studienreisen (u.a. Venezuela, Südkorea) und seine Arbeit im Arbeitskreis Beratung bringt er einen großen, praxisnahen Erfahrungsschatz mit.
Wann: 22. August 2026 14:30–17:30 Uhr
Wo: ESG Göttingen Nikolausberger Weg 27-29 37073 Göttingen
Der Kooperativendachverband CECOCESOLA in Venezuela -Was kann die solidarische Landwirtschaft in Deutschland davon lernen?-
Der Referent Karl Giesecke hat sich auf seiner Venezuela Reise im Januar 2019 mit der Frage beschäftigt wie der Kooperativen Dachverband CECOCESOLA eine Kooperation von verschiedenen landwirtschaftlichen Produzenten organisiert und das Aufkommen von Konkurrenz unterbindet. Eine Frage vor der zur Zeit auch die zunehmend größere Zahl von solidarischen Landwirtschaftsbetrieben in Deutschland und speziell in Leipzig steht. In Film, Foto und Wort wird Giesecke seine Eindrücke und Thesen vermitteln. Im Anschluss gibt es Raum für Diskussionen. Eine Spende für Raum und Referent wird erbeten.
Zur Person des Referenten: Karl Giesecke hat Soziologie in Bielefeld studiert und sich im Rahmen seiner Lehrforschung und Diplomarbeit mit Arbeiterselbstverwaltung in Argentinien beschäftigt. 2012 gründete er mit drei GärtnerInnen die solidarische Gemüsekooperative Rote Beete. Nach einer 3 monatigen Fahrradreise zu 13 anderen Solawis hat er begonnen Solawis zu beraten.
Hier findet ihr die Präsentation, die ich im Rahmen des Openspace auf der Frühjahrestagung des Netzwerks Solidarische Landwirtschaft hielt. Sie fasst erste Ergebnisse meiner Reise in Bezug auf die Organisation der Kooperativen zusammen. Bald folgen hier noch die Ideen, für konkrete Kooperationsformen zwischen Solawis in Deutschland.
Wandbild in der Markthalle der Kooperative in Barrinas: „Organisiert bauen wie eine solidarische Welt“
KURZ VORWEG: Ich bin wieder heile in Deutschland angekommen gestern 😉
Barrinas
ist ein Bundesstaat und liegt ein Stück südlich von Barquesimeto
und seinem Bundesstaat Lara. Nach einem Treffen von Produzenten und
den Märkten konnte ich mit einem LKW dorthin mitfahren. Die
Kooperative hat in dessen Haupstadt Barrinas eine kleine Markthalle.
Es wird also ein Teil der Produkte lokal vermarktet und ein weiterer
bis nach Barquesimeto gebracht. Es ist also eine partielle
Kooperation mit CECOCESOLA. Die zugehörigen Produktionsstätten sind
auf zwei Orte aufgeteilt. Die Fincas tragen die Namen Abya Yala
(unser Paradies) und Mama Pancha (Mutter Erde). Beide arbeiten ohne
Chemie. Ich war zu Gast in Mama Pancha im beständig 35 Grad heißen
Flachland. Teilweise Steppenhaft, aber mit ausreichend Grundwasser
und einer einmonatigen Regenperiode im Juli.
Mama
Pancha
Die
Kooperative ist in den letzten Jahren sechs mal beraubt worden. Es
wurden vitale Produktionsmittel geklaut: z.B. Teile des Traktors und
eine Wasserpumpe. Diese stets bewaffneten Überfälle haben auch in
der Nachbarschaft statt gefunden. Es wird also hier bei der armen
Bevölkerung geraubt. Möglich, dass der schwere Zugang zu Saatgut
und der plötzliche Wegfall der Option Gift aufgrund der hohen Preise
seinen Teil dazu beigetragen hat.
In
Mama Pancha lag der Fokus auf den 20 Kühen. Die gesamte Milch
wird in Käse verwandelt. Aufgrund der gerade begonnenen Trockenzeit
und der daraus resultierenden geringeren Milchmengen, werden täglich
nur 1,5 kg Käse hergestellt. Davon sind schätzungsweise bis zu 500g
Eigenbedarf. Das Melken, auf die Weide treiben und wieder rein holen
kostet die zwei zuständigen „Jungs“ (19 und 21 Jahre) etwa 7
Stunden täglich. Dazu kommt nochmal etwa eine gute Stunde für den
Käse. In der Stadt kostet 1kg Käse mehrere CECOCESOLA Tageslöhne.
In Anbetracht der recht günstigen Transportkosten ist Käseproduktion
also trotz des Aufwands ein lukratives Geschäft.
Zitrusfrüchte
Pampelmusen,
Limonen, Zitronen, Mandarinen und Organgen bilden das zweite
Standbein auf mehreren Hektar. Ab und zu werden die Kühe hier rein
gelassen. Sie fressen nicht nur den Bodenbewuchs, sondern knabbern
die unteren Äste der Zitrusbäume ab. Dies verjüngt die Bäume, da
sie an den Verbissstellen neu austreiben. So werden die Bäume auch
etwas gedüngt. Härteres Buschwerk muss allerdings mit der Machete
entfernt werden.
Gemüse
Da
hybrides Saatgut gekauft wird (anderes ist landesweit quasi nicht zu
bekommen), gibt es nur importiertes Saatgut. Das muss in Dollar
bezahlt werden und ist damit so teuer, dass es diese Saison kaum
leistbar war. So gibt es nur Frühlingszwiebeln und Auberginen. Ich
habe begonnen die Beete mit ausreichend vorhandenen Bambusblättern
abzudecken. Es gab Bekundungen das auszuweiten. Mulchen lohnt
sich bei derart trockenem Klima und der gnadenlosen Sonnenstrahlen
umso mehr.
Zwischen
25 und 30 Grad liegt nämlich die kritische Grenze für die
Mikroorganismen. Wird es heißer sterben sie ab. Auch das
Wurzelwachstum der nicht tropischen Gemüsesorten wird dann
verlangsamt, was wiederum zu einem Stoffwechselproblem in den
Pflanzen führt. Die Blätter wachsen schneller, doch der von ihnen
Produzierte Zucker kann von den Wurzeln nicht schnell genug
assimiliert werden. Diesen Zuckerstau wittern die Schädlinge und der
Befall wird wahrscheinlicher. Es gibt sicherlich unzählige andere
Faktoren warum der Schädlingsdruck in den Tropen höher ist, die
hohen Bodentemperaturen sind sicherlich einer der Beeinflussbar ist.
Düngungskonzept
Der Nachbarbauer nutzt für seine Platanosstauden (Kochbananen) das gleiche Düngungskonzept wie Abya Yama: Canavalia, eine Strauchartige Leguminose. Von dort habe ich etwas Saatgut mitgenommen… ich bin gespannt wie sie ab friert nächsten Winter 😉
Der
Boden ist extrem sandig. Auf den Weiden wenige hundert Meter weiter
reiner Ton.
Durch
das aufbringen einer dicken Kuhmistschicht haben sie innerhalb
kürzester Zeit einen lockeren nährstoffreichen Boden geschaffen.
Allerdings ist diese Praxis eher fragwürdig. Der Kuhmist ist ohne
Einstreu und muss auch deshalb nach dem direkten Ausbringen auf die
Beete einen Monat lang ausgespühlt werden, da er viel zu agressiv
ist. Natürlich wird dabei extrem viel Nitrat ins Grundwasser
gespühlt. Auch wegen der Tiergesundheit habe ich ihnen empfohlen,
auch wenn es mehr Arbeit ist, Einstreu zu verwenden und den Mist vor
der Ausbringung mit weiterem Kohlenstoff zu verkompostieren. Auch die
Einbringung von Ton in den Kompost wäre kein Problem, da dieser auf
den Tierpfaden der Weiden schon in trockener Form vorhanden ist.
Ansonsten stehen die Tiere auch wenn es recht windig ist in ihrem
eigenen Amoniak. Auch dabei geht, mal abgesehen von den für die
Ozonschicht schädlichen Gase, wertvoller Stickstoff verloren,
anstatt ihn für die umsetzung von Kohlenstoff (z.B. Stroh) zu
nutzen. Noch besser ist eigentlich Lignin, welches von Pflanzen in
Eurpa etwa ab dem 30.Juni in junge Triebe eingelagert wird. Das kennt
mensch als „Verholzung“. So kann noch mehr Stickstoff gebunden
werden und vor allem bleibt der Humus länger stabil. Noch länger
hält sich Pflanzenkohle, sie ist zwar selbst nicht Humus, da sie
quasi unzersetzbar hart ist, stellt aber ein extrem wichtiges
Speicherwerkzeug dar. Sie speichert Wasser, Nährstoffe und bildet
für Mikroorganismen eine sichere Basis, in die sie sich zurück
ziehen können. Wichtig ist allerdings das Aufladen der Kohle mit
diesen Bestandteilen vor der Ausbringung, da sie ansonsten wie ein
Schwamm wirkt. Schade, dass ich nicht auf Abya Yala war. Dort wurde
unter anderem auch damit viel experimentiert und ein kleines
fruchtbares grünes Paradies aus dem Boden gestampft.
Hier ist die Kochstelle zu sehen. Ich habe den Rost gegen einen umgedrehten Topf getauscht. In ihm sind etwa 20 Auberginen, die mit einem kleinen Feuerchen rings herum innerhalb von 30 Minuten durchgegart waren. Sie ließen sich nach dem Entfernen der Schale zu einem leckeren Auberginenmus verarbeiten. Vielleicht beginnen sie jetzt ihre Auberginen zu essen 😉
Bokashirezept
von Abya Yala
Diese
wertvolle Bodenaktivator- und Düngerproduktion kann jeder zu Hause
machen!
Zutaten: 25l frische (!) Kuhfladen (Meine Annahme: weil
Mikrobiologische Flora des Kuhdarms noch aktiv), 4-5kg Asche,
Zuckerrohrmelasse (besser als Zucker weil Mineralienhaltig, dient als
Nahrungsmittel für die Mikroorganismen), 8l Molke, 30kg zerkleinerte
Leguminosen, Bananenstamm (weil extrem Kaliumhaltig)
Variationen:
Das Rezept funktioniert auch ohne tierischen Dünger, und
grundsätzlich gilt: je mehr Eiweiß wie Essensreste oder
Leguminosen, desto mehr Stickstoff. Mensch kann auch das Gärbehältnis
mit etwas essig desinfizieren und diesen gleich mit drin lassen, das
begünstigt das umkippen des Prozesses in richtung Fermentation.
Zuckerrübenmelasse funktioniert natürlich auch.
Die
traditionelle Variante (japanisch) wird unter Luftabschluss in einem
Gärbehältnis verschlossen. Am besten versieht man es mit einem
Gährröhrchen. Ein alter Essigkanister z.B. aus einem Restaurant
tuts aber auch. Dann muss allerdings das Deckelchen immer mal wieder
ein klein bisschen aufgedreht werden um vorsichtig die überschüssigen
Gase entweichen zu lassen. Der Bokashi ist fertig fermentiert, wenn
er nicht mehr blubbert. Jetzt ist der Moment um noch Pflanzenkohle
hinzuzufügen und diese aufzuladen und damit die Wirkungsdauer des
Bokashis zu verlängern.
Die
andere Variante laut Abya Yala ist unter zwei mal täglichem Rühren
in einem offenen Gefäß möglich. Wobei ich nicht glaube, dass
mensch damit zum gleichen Ergebnis kommt. Die
Fermentations-/Milchsäurebakterien im traditionellen Bokashi sind
nämlich extrem Sauerstoff empfindlich und sondern sogar
Antioxidantien ab um sich zu schützen. Das Rühren dient wiederum ja
gerade dazu Sauerstoff hineinzubringen. Ich würde daher die erste
Variante bevorzugen. Sie ist zudem mit weniger Arbeitsaufwand
verbunden, hat man einmal das Gefäß gebastelt.
Was
wir in Europa natürlich beachten müssen, ist das die
Mikroorganismen die wir da haben wollen ein Klima zwischen 20 und 25
Grad Celcius mögen und am liebsten mit möglichst wenig
Schwankungen. Also heißer als 30 sollte es nicht werden. Es wird
also ein isoliertes Gefäß und am besten ein Heizstab benötigt
(wenn im Außenbereich). Wer das perfektionieren will kann sich da
mal die Youtubevideos von „triaterra“ reinziehen. Man kann das
auch ohne die gekauften Mikroorganismen machen. Evtl. noch ein
bisschen lebendigen – also gut riechenden – Waldboden mit
reinkippen…
Test:
Wenns gut geht riechts angenehm, wenns schief läuft haben die
Fäulnisbakterien gesiegt und es stinkt 😉 Es ist auch möglich den
PH-Wert zu testen, dieser sollte dann idealerweise zwischen 2,7 und
3,2 liegen.
Anwendung:
Am besten wenige cm entfernt von den Pflanzen in ein kleines Loch
kippen. Bei Obstbäumen auch in einem Kreis mit 1,5-2m Durchmesser
einbuddeln.
Der wichtiger Teile beraubte Traktor muss tatenlos herum stehen…
Chavez
Tauschpaket
Am
letzten Sonntag sind wir von Barrinas aus mit zwei Fahrzeugen und
jeweils ca. 500kg Mais in 23 Säcken in die Berge aufgebrochen. In
einem Bergdorf waren wir verabredet zum Tausch Mais gegen Kaffee.
Theoretisch hätten wir in zwei Stunden dort sein können, allerdings
hatten wir eine etwas längere Zwischenstation. In Venezuela hat
Chavez aufgrund des Finanzwirtschaftskriegs gegen sein Land den
Menschen eine alte venezolanische Tradition freigestellt und
promoviert. Direkter Naturalientausch soll dazu dienen sich unter den
Bewegungen der internationalen Finanzströme hinwegzuducken. Auch die
Steuern wurden damit komplett erlassen, was natürlich lokale
Tauschbeziehungen gegenüber überregionalem Handel fördert. Sprich:
auch den Staat unabhängiger von Devisengeschäften macht. Es ist
also auch kein Nullsummenspiel für den Staat selbst, auch wenn ihm
scheinbar erstmal Mehrwert-, Gewinn- und in manchen Fällen sogar
Körperschaftssteuer durch die Lappen geht. Wieder ein Gesetz, dass
nationale Autarkie stärkt.
Exkurs
staatliche Regulation
Nun
hat es in den Letzten Jahren leider, teilweise durch geschrumpfte
Kaufkraft, teilweise durch staatliche Steuerungsversuche bedingt,
viele Händler oder Produktoren gegeben, die Lebensmittel z.B. nach
Kolumbien oder Brasilien exportiert haben um höhere Gewinne
einzufahren. Bei Lebensmitteln teilweise auch um überhaupt Gewinne
einzufahren, wenn die Preise staatlich zu niedrig reguliert waren.
[Siehe dazu auch den Abschnitt Übertragung aus dem
vorangegangenen Blogeintrag Venezuela: 1984? Medien
im Krieg und medialer Krieg in außenpolitischer
Innenpolitik]
Der Staat hat mit Ausfuhrverboten für Grundnahrungsmittel und einer
Begrenzung innerstaatlicher Verkehrsmengen reagiert. Bei Mais (mit
weitem Abstand wichtigstes Grundnahrungsmittel Venezuelas) liegt die
Grenze bei 500kg pro Fahrzeug ;-)…..
In
der Bevölkerung wird entweder auf raffgierige Produzenten und
Händler, oder auf die Wirtschaftspolitik geschimpft.
Die
Guardia Nacional Bolivariana
Bei
einem Posten der Guardia Nacional Bolivariana (GNB: Nationalgarde,
Aufgabenschwerpunkt Zoll und organisierte Kriminalität) wurden wir
rausgewunken. Es herrschte offensichtlich Unklarheit darüber wie mit
uns umzugehen ist. Die Menge lag evtl. knapp drüber. Mit zwei von
ihnen hinten auf unserem Pickup fuhren wir zur Commandancia de
Barrinitas. Dort mussten wir die Säcke abladen. Nach ein halbe
Stunde warten mussten wir die Hälfte vor eines der Wandgemälde
räumen auf der das Wappen der dritten Kompanie zu sehen war. Ein
Gardist machte ein Foto davon.
„in diesem Kommando ist Chavez am Leben“, ein Spruch den mensch häufiger lesen konnte. Direkt daneben das stolze Wappen der dritten Kompanie vor den Maissäcken die wir demütigst danieder legen mussten. Am Ende blieb der Kompanie nur das peinliche Foto…Hinter unserer geleerten Ladefläche lauern die großen bolivarischen Unabhängigkeitskämpfer und beraten darüber was mit 23 Maissäcken zu tun wäre…
Nach
einer weiteren halbe Stunde durfte wir erstmal ohne den Mais
abziehen. Einer von uns kannte aber einen Capitan, der zwei Jahre im
selben Stützpunkt gedient hatte. Der rief wiederum den dortigen
Capitan an und der schimpfte dann seinen rangniederen Sargente aus,
was das denn solle mit der Konfiszierung dieser lächerlichen Menge.
Wir bekamen einen Anruf aus der Commandancia und durften abziehen
ohne Schmiergeld oder Konfiszierung.
Die
Policia Nacional
Der
Pickup der uns vorausgeeilt war kam zwanzig Minuten nach uns im Dorf
an. Er wurde von einem Polizisten angehalten, der auch zunächst noch
unschlüssig war was er tun sollte. Sein Vorgesetzter sendete ihm
eine Nachricht auf sein Handy er solle selbst entscheiden was er tut.
Triumphierend zeigte er dem Comapnero diese Nachricht. Nachdem der
Companero sagte er habe aber kein Geld, entschied dieser sich zwei
der zehn Säcke zu konfiszieren. Bei der nächsten Polizeikontrolle
zeigte der Companero die von der Guardia Nacional angefertigten
Papiere. Die Polizisten fragten: „Was hast du mit den beiden
fehlenden Säcken gemacht?“. Er teilte ihnen mit, dass diese
konfisziert worden waren. Daraufhin waren die beiden Polizisten wohl
zunächst verdutzt und dann sauer auf ihren Kollegen, der es wohl
etwas übertrieben hatte mit der Korruption.
Der
Tausch
Schon
auf der Fahrt durch das hochgelegene Dorf wurden wir mehrmals von den
Leuten angesprochen für wieviel wir den Mais verkaufen. Ich saß mit
einem Companero hinten auf der Ladefläche auf den Säcken.
Inzwischen quälte uns der Hunger, da wir sehr früh und ohne
Frühstück losgefahren waren. Mittlerweile war es fast Mittag und
überall wurden Cambures (Bananen) verkauft, während unserer
Lastwagenfahrer immer weiter fuhr. Der Tauschplatz war eine kleine
Garage. Wir wurden von Kaffeebauern mit Cowboyhüten begrüßt. Wie
so oft gab es erstmal einen süßen Kaffee. Mit zwei anderen setzte
ich mich erstmal ab um etwas zu Essen zu besorgen. Das Kilo Bananen
kostete 100 Bolivares, also zu dem Zeitpunkt etwa 4 Eurocent. Ich
kaufte zwei Kilo und etwas Brot. In so abgelegenen Dörfern gibt es
zwar Obst und manches Gemüse aber kaum Geld. Nach einem Bad in dem
großen kalten Gebirgsbach saßen wir im Garten mit den Kaffeecowboys
und tranken ihren Schnaps aus Zuckerrohrmelasse mit Ingwer. Sehr
hochprozentig und würzig. Das Tauschen ging noch eine Weile weiter
und dauerte insgesamt vielleicht drei Stunden. Immer wieder kamen
einzelne kleine Produzenten mit kleineren Mengen Kaffee an. 45Kg Mais
wurden gegen 6kg Kaffeebohnen getauscht. Die Bohnen sind geschält
und getrocknet.
Der herrlich kühle Bergbach im Dorf der Kaffeebauern Einmal sich wie ein „Narcotraficante“ fühlen gefällig? Das Geld für 7 Maissäcke, die wir kauften.
Ich
glaube wir hatten auf dem Hinweg nach Barrinas etwas 7000 Bolivares
Soberanos pro Sack bezahlt.
Weiterverarbeitung
des Kaffees und Verkauf
Auf
der Finca wurde der Kaffee in großen Pfannen über dem Feuer
geröstet. Das dauert ungefähr eine halbe Stunde. Danach wurde der
Kaffee drei mal mit einer motorbetriebenen Mühle gemahlen.
Dann
wurde er von Hand gewogen, verpackt und zugeschweißt.
In
der eigenen Markthalle wird der Kaffee dann auch für dortige
Verhältnisse günstig zu 8000 Bolivares/kg verkauft. Macht ohne
Arbeitskraft einen Gewinn von knapp 7000 Bolivares/Kg.
Oder
147.000 insgesamt für vielleicht ein Woche Arbeit für 3 Personen.
Das wären 2,50€ pro Tag, bzw. ungefähr 1kg des selbst
produzierten Kaffees. Liegt damit aber immer noch mehrfach über dem
Lohn der CECOCESOLA ArbeiterInnen in Barquesimeto.
Arbeitsorganisation
Hat
sich mir nicht vollständig erschlossen. Die Arbeiten auf der Finca
waren zumindest reltiv genau verteilt und die Bezahlung durch die
Kooperative wurde daran ausgerichtet. „Sondereinsätze“ wie das
Bereinigen des Zitrushains werden extra vergütet.
Das Interview wurde auf Spanisch durchgeführt und ist eher eine Projektvorstellung der Rote Beete. Es war live und ohne Vorbereitung (jedenfalls auf meiner Seite) und wird in dieser Form national ausgestrahlt. Außerdem ist es auch in den Markthallen CECOCESOLAS zu hören. Die Aufnahme fand im Gebäude einer jesuitischen Universität statt 😉
Die
Fragestellung des Artikels, so wird schon nach wenigen Zeilen klar,
zielt auf die Illegitimität Maduros ab. Wir müssen uns bei der
Betrachtung der Lage in dem Land klar sein, dass es sich seit fast 20
Jahren in einem (medialen) Kriegszustand mit den USA und seiner
ehemaligen Kolonialmacht Spanien befindet. Innerhalb des Militärs
hat es immer wieder Putschversuche gegeben. An deren Verbindungen zu
den USA besteht keinerlei Zweifel. Auch die Bedrohungen und
Sanktionierungen seitens der USA sind bekannt. Etwa 200 Militärs
sind in den letzten 12 Monaten wegen Landesverrats festgesetzt
worden. Der Artikel liest sich so als wenn die Illegitimität des
Präsidenten außer Frage stehe. Immer wieder werden die
Unregelmäßigkeiten bei den Präsidentschaftswahlen 2018
angeprangert.
Die
Wahlen 2018
Nur
46% gingen wählen und davon wählten knapp 68% Maduro zum
Präsidenten. Welcher westliche Staatenlenker hat denn einen größeren
Bevölkerungsanteil hinter sich? Behauptet wird (von der Opposition
und somit auch von den meisten Medien) dass eine zweimalige
Veränderung des Wahltermins durch Maduros Regierung stattfand. Wahr
ist, dass die Opposition diese Verschiebungen beantragt hatte. Über
die Situation in den Wahllokalen habe ich verschiedene Geschichten
gehört. Unter anderem die, dass von der Opposition erst nach der
Bekanntgabe der ersten Ergebnisse Protest über Unregelmäßigkeiten
angemeldet wurde, obwohl sie in jedem Wahllokal mit dabei waren. Seit
Chavez gibt es in jedem Wahllokal angehörige aller Parteien, sowie
Bürger, die den rechtmäßigen Verlauf begutachten. 320 registrierte
Wähler müssen z.B. auch 320 Stimmen abgegeben haben, die Auszählung
erfolgt laut und wird unmittelbar digitalisiert. Zudem sind sämtliche
Wahllokale seit Chavez Videoüberwacht. Vielleicht handelt es sich
damit um das sicherste demokratische Wahlsystem der Welt.
Weitere
Kritikpunkte von Opposition und deren medialer Verlängerungensind, dass ja Konkurrenz Kandidaten von der Regierung zuvor
unschädlich gemacht worden seien. Tatsächlich aber gibt es in der
bolivarianischen Verfassung harte Kriterien dafür wer von den
Bewerbern für die Kandidatur des Präsidenten zugelassen werden
darf. Das Ausscheiden der anderen Kandidaten liegt schlicht an deren
dreckiger Vergangenheit. Jemand mit kriminellen Geschäften oder
sogar Verwicklung in Morde kann nicht venezulanischer Präsident
werden per Verfassung, d.h. nicht einfach durch mediale
Hetzkampagnen.
In
den Wahlen 2018 wurden mit 98 Mandaten für die Opposition und 64 für
die Regierung zunächst eine schwere Niederlage für die Chavistas
eingefahren. Die Natianalversammlung war damit von der Opposition
dominiert. Chavez hatte als eine seiner ersten Amtshandlungen eine
Liveübertragung der Nationalversammlung eingeführt, damit jeder
Bürger jeden Beitrag hören konnte. Dies wurde im Staatsfernsehen
übertragen. Die Opposition hat sofort nach der Wahl diese Kameras
entfernen lassen. Das könnte Mensch wenn er will als
entdemokratisierungs Tendenz werten. Nix dazu von den Medien… auch
wurde außer in den Staatsmedien nichts darüber berichtet, dass die
Versammlung nicht mehr Arbeitsfähig war. Die Kameras hatten dazu
beigetragen die auch vor der chavistischen Machtübernahme übliche
Arbeitsmentalität der Mandatsträger zu erhöhen. Es wurden seit der
Wahl 2018 kaum Gesetze erlassen, Mandatsträger gingen selbstbestimmt
auf „Geschäftsreisen“ z.B. nach Kolumbien andere machten Urlaub.
Das verfassungsgemäß zuständige Organ (Consejo
supremo electoral – also die Wahlaufsichtsbehörde) stellte
also die Arbeitsunfähigkeit der Nationalversammlung fest. Wie
festgelegt wurden erneut Wahlen proklamiert zu dem Organ, dass in
solchen Fällen an die Stelle der Nationalversammlung tritt, die
„assamblea nacional
constituyente“. Hierbei erreichte die Regierungspartei
wieder die Mehrheit. Das lässt sich aus dem gleichen Grund erklären,
aus dem verfassungsgemäß gehandelt wurde: Die Bevölkerung war
desillusioniert über das unproduktive Verhalten der oppositionellen
Mandatsträger, die im Volksmund auch als payasos (Clowns) bezeichnet
wurden. Auch diese Wahl wurde wie alle Wahlen, die von Chavistas
gewonnen wurden seit Chavez Wahlsieg 1999, von der Opposition nicht
akzeptiert. Die EU macht mit:
„Die
EU bekräftigte indes ihre Haltung, die Präsidentschaftswahlen
im vergangenen Mai in Venezuela sei weder frei, fair und
glaubwürdig gewesen, noch habe sie eine demokratische
Legitimation. „Das Land braucht dringend eine Regierung, die den
Willen des venezolanischen Volkes wirklich repräsentiert“,
heißt es in einer Erklärung aus
Brüssel.“
[https://amerika21.de/2019/01/221064/venezuela-guaido-oas-caricom-deutschland]
Na,
wenn es um den Willen des Volkes geht, warum werden dann weder
Wahlergebnisse noch Demonstrationszahlen zur Kenntnis genommen? In
den Medien wird von zehntausenden Anhängern geredet, die der
Selbsternennung Guaidos beiwohnten. Ähnliche Massen gab es auch vor
dem Amtssitz des Präsidenten Maduro. In den letzten zwei Jahrzehnten
kann sogar mit Abstand von einem größeren Mobilisierungspotenzial
regierungstreuer Menschen gesprochen werden.
Anders
herum wird von sowohl von der Venezolanischen Regierung als auch von
der Bevölkerung anerkannt, dass in einigen Bundesstaaten Kandidaten
der Opposition regieren. Wie passt das mit Diktatur zusammen?
Auch
die Situation der internationalen
Stimmung zu Maduro und seinem Konkurrenten Guaidó
wird in
dem Welt Artikel exakt
umgekehrt zur tatsächlichen Faktenlage dargestellt: Im
Artikel wird die große internationale Ablehnung betont. Aber: 16 der
OAS (Organisation
der Amerikas) Staaten
stimmten für die Anerkennung des Putschisten, 18 dagegen. Auch in
der UNO scheiterten die USA mit ihrem Antrag. Warum stellen die
eigentlich immer diese Anträge? 😉 Ganz klar, sie sind schließlich
die Initiativkraft die hinter den Tumulten steht. In
der Jungen Welt kann man lesen:
„US-Außenminister
Michael Pompeo habe zudem mehrfach Guaidó angerufen, zuletzt am 22.
Januar, dem Tag vor der Selbsternennung. Das bestätigte
Guaidó offenbar in einem Gespräch, dass er am späten Abend des 22.
Januar in einem Hotel in Caracas mit Diosdado Cabello, dem
Präsidenten der Verfassunggebenden Versammlung, führte.“
][https://www.jungewelt.de/artikel/348065.putschversuch-in-venezuela-von-washington-organisiert.html]
Auch vom deutschen Außenminister ist ein Foto mit Guaidó vom
Dezember aufgetaucht.
11 von 19 US Stützpunkten befinden sich in Kolumbien (9) und den niederländischen Antillen (2), die direkt vor Venezuelas Küste liegen.
Natürlich
hängt dies auch damit zusammen das Kolumbien die Produktionsstätte
des größten Kokain Produzenten des Planeten ist und der Stoff ja
auch irgendwie in die USA geflogen werden muss. Seit zwanzig Jahren
ist das aber auch ganz praktisch als Drohpotential gegen die
„chavinistische“ Republica Bolivariana de Venezuela. Gestern
regte eine Notiz auf dem Block des amerikanischen
Verteidigungsministers für Aufsehen. Sinngemäß stand dort „5000
Soldaten nach Kolumbien“. Mit dem Militär hinter der Verfassung
können die USA hier aber kaum einmarschieren. Darum wird die
Bestechung von Offizieren und die Fehlinformierung weiter gehen.
Ich
will hier nicht die Regierung Nicolas Maduros schön reden. Es ist
eine wirtschaftliche Katastrophe. Die bolivarianischen
Unabhängigkeitsbekundungen des Präsidenten sind schöne Worte, doch
die Regierung scheitert wenn es um den Aufbau einer wirtschaftlichen
Unabhängigkeit des Landes geht. Und selbst wenn hier
wirtschaftliche sinnvolle Maßnahmen, wie beispielsweise die unter
Chavez eingeführte Legalisierung des steuerfreien Naturalientausches
eingeführt wurden, die die Unabhängigkeit von den internationalen
Finanzströmen garantieren soll, scheitert dies am korrupten
verhalten einzelner Beamter.
Konkretes
Beispiel: Ich war am Sonntag mit vier Companeros und zwei
Fahrzeugen unterwegs um 23 Maissäcke in einem abgelegenen Bergdorf
gegen dort produzierten Kaffee zu tauschen. Wir wurden drei mal
angehalten. Beim ersten mal mussten wir zum militärischen Stützpunkt
der Nationalgarde. Da es ein Gesetz gibt nicht mehr als 500kg
undeklarierten Mais zu transportieren, wegen des krassen Problems des
illegalen Exports z.B. nach Kolumbien. Durch Kontakte zu einem
ehemaligen Kommandanten der Nationalgarde konnten wir nach zwei
Stunden weiter fahren. Eines der Fahrzeuge, welches vorrausfuhr wurde
jedoch von der Polizei angehalten, die sich 2 von 10 Säcken
abzwackte. Bei der dritten Kontrolle fiel dies auf, da in den von der
Nationalgarde angefertigten Papieren ja 10 Säcke angegeben waren. So
flog die von den anderen Beamten wohl als übertriebene Korruption
wahrgenommene Aktion des vorangegangenen Postens auf. Ob das Folgen
hatte wissen wir nicht.
Übertragung:
Genauso müssen wir uns das im Großen Ganzen vorstellen. Die
Verschiedenen regulierten Hauptnahrungsmittel des Landes haben
jeweils einen Militär, der für deren Verteilung zuständig ist. So
gibt es im Volksmund z.B. den „General Mais“. 70% dieser
Basisnahrungsmittel müssen von den Produzenten zu einem geregelten
Einheitspreis abgegeben werden. Dieser deckt jedoch oft kaum die
Produktionskosten. So werden die restlichen 30% privat so teuer
verkauft, dass der Verlust aufgefangen wird. Teilweise treibt es die
Preise im Innland, teilweise wird versucht die Ware dann lieber bei
zahlungskräfitgeren Nachbarländern zu verkaufen. Wäre an sich noch
keine Katastrophe wenn denn die staatlich abgenommenen 70%
entsprechend günstig und vollständig weitergegeben würden. General
Mais sitzt aber wie eine Glucke auf seinem Silo und lässt einen Teil
genauso wie die Produzenten im kleinen teurer verkaufen. Auch hier
kommt es zu Schmuggeleien außer Landes.
Sabotage
auf allen Ebenen: Der Wirtschaftskrieg der USA gegen Venezuela
beschränkt sich nicht nur auf die offiziellen Sanktionswege (USA
will jetzt sogar Finanzmittel aus den Deviseneinnahmen der in Texas
angesiedelten venezolanischen Erdölraffenerien einfrieren um sie
angeblich Guaido zur Verfügung zu stellen
[https://amerika21.de/2019/01/221127/us-finanzministerium-venezuela]).
Die hohen „Korruptionsniveaus“ sind oftmals von den USA
geschmiert. z.B. gab es den Fall eines Frachtschiffes voller
Lebensmittel für Venezuela, welches so lange nicht abgeladen wurde
bis die Lebensmittel verkamen. Der zuständige Militär hatte dafür
Geld von den USA bekommen. Kommt es zu Verfahren werden diese von der
Opposition als diktatorische Maßnahmen angeprangert.
Landeskultur:
In einem Text, der Ergebnis der jahrzehntelangen Selbstreflexion
CECOCESOLAS ist wird immer wieder auf die Kultur der Menschen in
Venezuela eingegangen [Hier und heute die Welt, die wir wollen, Teil
2: Unser kultureller Hintergrund: Zu finden in
Auf
dem Weg – Gelebte Utopie einer Kooperative in Venezuela ISBN:
987-3-00-037134-9]. Sie
begreifen ihre Kultur als eine Synthese aus den arbenteuerischen
spanischen Conquistadores auf der Suche nach dem schnellen Gold, dem
Eldorado, und der Sammlerkultur. Damit begründen sie ihr übliches
Verhalten sich die „Beute“ untereinander aufzuteilen. Es ist eine
Art „solidarische Komplizenschaft“. Ich will hier das
geografische extrem wichtige Adjektiv „tropisch“ vor die
Sammlerkultur hinzufügen. Seit tausenden von Jahren kann hier ganz
jährich geerntet werden. Es gibt zwar Regenzeiten, aber keine
Jahreszeiten in unserem westlichen Sinne. Diese materielle Basis hat
den Menschen die hier lebten kein langfristiges Planungsdenken
aufgezwungen, wie es der Winter bei uns tut. In
Deutschland müssen in einem Zeitfenster von wenigen Wochen bestimmte
Arbeitsschritte in der Landwirtschaft erfolgen, damit eine Ernte und
deren Einlagerung möglich wird. Das war lange Zeit absolute
Existenzbedingung. In Venezuela reift hier ein Maiskolben ab und dort
eine Zitrusfrucht und da hängen grüne neben gelben Kochbananen.
Eine einzelne Papayapflanze
wirft hier drei Ernten ab.
Planung kann hier sogar hinderlich sein. Kaum etwas ist länger
lagerbar. Ach wie schön ist doch das materialistische Denken
gegenüber der stumpf eindimensionalen, westlich-ignoranten
Sozialtheorieübertragung 😉
Angebliche
chavistische Todesschwadronen auf Motorrädern
Die Opposition und hörige Medien wie die Welt behaupten, dass von Maduro unterhaltenen Todesschadronen auf Motorrädern wahllos Opositionelle ermorden:
Tatsächlich
ist dies eine Strategie der Opposition, die schon mehrfach entlarvt
wurde. z.B. bei dem Putsch gegen Chavez. Dort haben Scharfschützen
die Demonstration der Opposition beschossen um dies Chavez in die
Schuhe zu schieben. Vor ein paar Tagen sind ein paar Soldaten mit
Scharfschützen gewehren desertiert. Sie wurden festgestzt,
allerdings fehlten ein paar der gestohlenen Gewehre. Maduros
Regierung hat kein Motiv für derartige Aktionen.
Seid
der Machtübernahme von Chavez gehen Menschen auf die Straße und
protestieren dafür oder dagegen. Vorher herrschte die berechtigte
Angst zu verschwinden. Z.B. wurden damalige Regierungsgegner mit
Hubschraubern zu einer Insel (Isla Blanca) geflogen und dort fallen
gelassen. Die Zahl der „Verschwundenen“ ist riesig. Das ist die
Kultur aus der die jetzige Opposition stammt.
Seit
1999 gibt es beständig gewalttätige Demonstrationen durch die
Opposition. Soldaten werden von DemonstrantInnen beschimpft, bespuckt
oder mit weiblicher Unterwäsche beworfen um sie zu provozieren.
Nicht nur Vandalismus und Plünderungen sind dabei Kultur sondern
auch das Töten von Chavistas. z.B. durch Verprügeln und dann mit
Benzin übergießen und anzünden. Kindern werden 50 Bolivares
gezahlt damit sie Steine werfen, während die die zu den
Demonstrationen aufrufen selbst nicht erscheinen. Sie wissen nämlich
von der Gefahr, die von ihren eigenen Leuten ausgeht. In dem oben
genannten Beitrag wird auch von „kubanischen Stimmen“ unter den
Motorradfahrern gesprochen. Vielleicht Exilkubaner aus Miami?
Was
es tatsächlich gibt sind Einheiten innerhalb der Militärpolizei
deren Zweck das Aufspüren und gezielte Töten von schwer Kriminellen
ist. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Drogenbanden. Deren Tötung
wird allerdings in diesem Falle auch von den Oppositionsmedien
begrüßt und mit Bildern der Toten sensationslustig ausgeschlachtet.
Trotz der unmittelbaren Nähe zum Narcoparadies Kolumbien ist der
Drogenmarkt in Venezuela relativ gut unter Kontrolle.
Statistsch
gesehen besitzt jeder 4. Venezulaner eine Feuerwaffe (in den USA gibt
es mehr Waffen als Einwohner). Es gibt hier viele Überfälle und
manchmal auch Tote. Wirtschaftssanktionen und Sabotagen tragen ein
große Mitschuld an diesen Zuständen…Dennoch geht für die
allermeisten Menschen der Alltag weiter, wenn auch unter erschwerten
Bedingungen. Wenigstens steigt seit anderthalb Wochen der Dollar
nicht mehr. Allerdings wird dieser jetzt sogar offiziell zum
Schwarzmarktkurs für Bankgeschäfte zugelassen. Der Offizielle Kurs
war aber auch vorher schon nur für Regierungsgeschäfte relevant.
Noch
ein paar Worte zur Oppostition. Natürlich handelt es sich nicht
um eine homogene Gruppe und auch innerhalb der Opposition gibt es
Strömungen die z.B. den selbsternannten Präsidenten nicht
anerkennen. Klar ist aber, dass die 11 reichsten und mächtigsten
Familien Venezuelas, die das Land als ihres betrachten, durch sie
ihre Interessen zu vertreten suchen. Das Wahnwitzige an der
Opposition ist, dass sie seit 20 Jahren die USA anbetteln militärisch
einzugreifen. Ich habe sogar auf youtube Demobilder gesehen, wo sich
Trump als Präsident gewünscht wird. Puertoricanische Verhältnisse
also. Sie scheinen zu glauben, dass die US Bomben sie nicht treffen
werden oder würden.
Der
bolivarianische Revolutionsprozess: Sozialismus des 21. Jahrhunderts
Zu guter Letzt noch eine kleine Sache die nicht vergessen werden sollte. Der Chavismus hat dieses Land sehr weit nach vorne katapultiert in humanistischer Hinsicht. Schulen wurden gebaut, der Analphabetismus effektiv bekämpft, Tausende Ärzte wurden ausgebildet, Gesundheitszentren aufgebaut und bis jetzt werden monatlich staatlich finanzierte neu errichtete Häuser günstig an Bedürftige weitergegeben. Auch öffentliche Universitäten ohne Gebühren wurden gebaut und eröffnet. Bildung war bis 1999 privat und quasi völlige Herkunftssache. Erst mit der Erschaffung der bolivarianischen Verfassung in einem fast dreijährigen Diskussionsprozess wurden der Bevölkerung ihre Rechte und Pflichten klar gemacht. Völliger Willkür ist dies sicherlich vorzuziehen auch wenn heute viele Dinge passieren und die Polizei untätig daneben steht, oder selbst drin verwickelt ist.
Viele Initiativen die auf der Verteilung von Geldern von oben beruhten sind missbraucht worden und versickert. Ganz Unten genauso wie auf höheren Ebenen. Z.B. wurden Kooperativengründungen stark finanziell unterstützt. Viele waren jedoch entweder nur Briefkastenkooperativen oder Einzelunternehmen die sich als Kollektive tarnten.
Ein Foto aus dem Flughafen Barquesimetos, der von Chavez verstaatlicht wurde. An der Wand die obligatorischen Portraits des „ewigen Kommandaten“
Der
Versuch Basisinitiativen von oben herab zu fördern ist hier
eindrücklich gescheitert am Bewusstsein der Bevölkerung.
Subventionen sind mindestens zweischneidige Schwerter, da sie viel zu
oft patriarchale, bzw. paternalistische Abhängigkeitsverhältnisse
schaffen und die Macht oben (bei Papa) bleibt. Oftmals ist hier eher
eine Haltung des Hände Aufhaltens provoziert worden, anstatt als
Starthilfe für die Selbstermächtigung zu wirken. Vielleicht war
einfach die Zeit für die Saatbeetvorbereitung zu knapp für den
Segen von oben. Der Personenkult um Chavez, den „Comandante
Eterno“, den ewigen Kommandanten, ist vielleicht auch daher so
stark. Die Suche nach dem Heiligen ist in Lateinarmerika genauso
stark wie die Heilige Familie und ihr Oberhaupt. Im spanischen heißt
der Papst übrigens „el papa“. Wer weiß wie Chavez die sinkenden
Barrelpreise ausgeglichen hätte. Vielleicht ist es auch ein
gesellschaftlicher Zwang, das progressive Entwicklungen oft zu
schnell gehen um alle mitzunehmen, ein reaktionärer Backlash kommt,
nur um dann wieder progressiv überholt zu werden. Also
gesellschaftliche Emanzipation als Wellenbewegung.
Ich hoffe dieses Land kann weiterhin ohne Krieg leben. Übermorgen geht es für mich schon wieder nach Deutschland.
Hasta siempre Venezuela rebelde!
Falls ihr weiter dran bleiben wollt empfehle ich euch amerika21.de
(ich kann leider von hier aus keine Bilder hochladen, vermutlich wegen der lahmen Verbindung, die kommen dann später dazu)
Die
Kooperative befindet sich in den Anden von Trujillo. Die verstreuten
Häuser schmiegen sich an die steilen Hänge. Ich komme bei einer
Familie unter. Die Häuser haben keine Heizungen, kochen mit Gas und
sind mit dem Stromnetz verbunden. Die Flächen sind auf die Familien
aufgeteilt. So gibt es strukturell klare Zuständigkeiten. Bei
größeren Arbeitseinsätzen wird punktuell kooperiert.
Die
Vermarktung läuft ausschließlich über die CECOCESOLA Märkte. Es
gibt auch Kulturen, die nur zum Eigenverbrauch angebaut werden, wie
z.B. Weizen und Mais. Daneben gibt es auch Nutztiere in geringem
Ausmaß, die ebenfalls der Selbstversorgung dienen und auch etwas von
dem Mais bekommen. Vollkornmaisfladen (Arepas), kleine dunkle Bohnen
(Karaote), Milch, Eier, Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren sind das
täglich Brot. Es gibt zwar nicht mehr den Wohlstand wie noch vor 4
Jahren, aber durch die Abnahmegarantie der Märkte kann alles
verkauft werden. Das Arbeitspensum hat sich allerdings stark erhöht.
Dies liegt jedoch weniger an der ökonomischen Situation, sondern an
dem gestiegenen Schädlings- und Krankheitsdruck. Vor allem bei
Kartoffeln und Möhren hat sich das Verhältnis zwischen Ertrag und
Arbeitsaufwand fast halbiert. In einigen Flurstücken ist die
Fruchtfolge extrem eng und der Nematodendruck daher sehr hoch.
Gründüngungskonzepte gibt es nicht. Das höchste der Gefühle ist
eine kurzzeitige Brache.
Es
wird gedüngt mit den aus den Hühnserställen ausgemisteten
Reisschalen. Sie werden vermehrt auf dem oberen Teil der Äcker
ausgebracht und mit Wasser ein gespült und dann eingearbeitet. Der
Hühnermist wird auf dem Rückweg vom Markt in Barquesimeto dort
gekauft und aufgeladen. Mit solch einer Fuhre kam auch ich hier an.
Mit dem schwer beladenen LKW in den Bergen dauert diese Fahrt mit
Pause 10 Stunden. Auf dem Weg gibt es so an die 15 polizeiliche
Sperrungen. Bei fast jeder sind 50 Bolivares Schmiergeld fällig. Auf
die Strecke gerechnet sind das zwischen ein und zwei Mindestlohn
Tagessätzen. Manchmal sind auch ein paar Zwiebeln fällig…
Sozioökonomische
Struktur – „relative Autonomie“ und organisationales Lernen
Die
Kooperation der Produzenten besteht auf verschiedenen Ebenen. Zum
einen gibt es Leute mit mehr Grundbesitz, die ihre Parzellen
teilweise mit anderen Familien bearbeiten. Wird von einer Familie
mehr Arbeit geleistet erhöht sich der Investitionseinsatz des
Koproduzenten um die Differenz der hinein gesteckten Arbeitskraft. So
kann auch der Gewinn zu gleichen Teilen aufgeteilt werden.
Zum
anderen ist es so, dass alle Produkte zu einer gemeinsam finanzierten
Lagerhalle transportiert werden. Dies geschieht mit drei kleinen LKWs
mit etwa 3t Ladekapazität. In der Lagerhalle steht ein großer
Lastwagen der wöchentlich das Gemüse zu den CECOCESOLA Markthallen
fährt. Dessen Kauf vor 25 Jahren stellt in gewisser Weise die
ökonomisch gesehen wichtigste gemeinsame Anfangsinvestition der
Kooperative dar. Der Truck bildet das Herzstück der gemeinsamen
Distribution und verhilft allen nicht nur zu Ersparnissen, sondern
schafft auch eine gegenseitige materielle Abhängigkeit.
Ein entscheidender Faktor langfristig stabiler Kooperation.
Die einzelnen Produzenten zahlen für jede LKW Nutzung eine
Sackpauschale. Diese ermöglicht die Instandhaltung der Fahrzeuge.
Der große LKW wird nur von einem der Produzenten gefahren und die
kleinen LKWs nur von drei verschiedenen Leuten. Dies soll den
Verschleiß minimal halten, da jeder Fahrer so eine größere
Übersicht über das Fahrzeug hat und z.B. welche Wartungen anstehen.
Auch
ein Versammlungshaus hat die Kooperative finanziert. All dies ist
Eigentum der Kooperative. Für jedes Projekt gibt es Parzellen die
ihm gewidmet werden. Also z.B. eine Parzelle für einen
Gesundheitsfonds. Diese werden jeweils von einem der Produzenten
bewirtschaftet. 50% des Gewinns gehen an den Produzenten und die
anderen 50% gehen an den Fonds. So ist nicht nur eine gewisse
Eigenmotivation mit eingebaut ein gutes Ergebnis zu erzielen, sondern
auch eine kleine ökonomische Entschädigung, die das weitere
„relativ autonome“ Funktionieren der ökonomischen
Kleinsteinheiten stützt. Aufgrund der rasanten Inflation ist
enorm viel Flexibilität und Phantasie erforderlich. Da sparen nicht
möglich ist werden z.B. Gelder aus dem Gesundheitsfonds in
Maschinenöl investiert. Entweder kann dies bei Bedarf verkauft
werden, oder in einem Krankheitsfall wird Geld aus dem Fahrzeugfonds
abgezogen in dem zu dem Zeitpunkt gerade Geld ist. Auch der Kauf von
Samen führt zu ähnlichen phantasievollen Lösungen. Da der Wert von
Möhrensaamen von letzter auf diese Woche sich mehr als verdoppelt
hat, wird der nächste Samenkauf von anderen Produktoren mit
vorfinanziert. Die Gewinne der erst einmal klar von einander
getrennten Kleinsteinheiten der Kooperative
verschmelzen hier durch Kommunikation zu einer gemeinsamen
Verfügungsmasse. So kann der Verlust durch die Inflation im
Sinne aller verringert werden. Auf dem Treffen von Produktoren und
den Companeros der CECOCESOLA Märkte am Donnerstag (17.1.2019) wurde
dieses Modell den anderen Kooperativen nahegelegt. Auch dies ist
wieder ein Beispiel für die Funktionalität der „vorläufigen“
Aufteilung von Verantwortung und Entscheidungsmacht auf kleinere
Einheiten. Vorläufig, da wie oben geschildert über
notwendige Unterstützungsmaßnahmen gesprochen werden kann.
Funktionalität besteht in der Hinsicht, dass die Ergebnisse des
flexiblen Experimentierens und das damit verbundene
Erfahrungslernen der einzelnen Organisationsteile, über den Weg der
kollektiven Reflexion auf derartigen Versammlungen, zur Verfügung
gestellt werden. Genau genommen ensteht Erfahrung erst durch
Reflexion. Erfolgreiches organisationales Lernen ist in der
Struktur angelegt. Das
heißt natürlich nicht, dass alles was in einer Kooperative sich
bewährt hat widerstandslos übertragen wird oder übertragen werden
kann.
Entsteht
ein neues Bedürfnis in der Kooperative wird eine neue Parzelle ihm
gewidmet, oder eine „alte“ Soliparzelle wird umgewidmet durch
die veränderte Prioritätensetzung.
Infrastrukturelle
Aufgaben wie das Instandhalten der Bewässerung und das Freihalten
der Wege, sowie deren Instandsetzung sind auf Arbeitsgruppen
verteilt. Jeder Kooperativist gehört einer dieser Gruppen an.
Rotationsprinzipien fehlen auch hier nicht.
Das
Kernstück der Organisation vor Ort ist die wöchentliche Versammlung
am Montag Abend. Sie geht von 16 Uhr bis 20 Uhr. Bei Bedarf werden
jedoch auch weitere Versammlungen anberaumt. z.B. durfte ich an einem
Dienstag von 17-20 Uhr die solidarische Landwirtschaft der Roten
Beete, vom Anbau zur Organisation, sowie mein Forschungsinteresse
vorstellen. Ich werde hier nochmal etwas zum Versammlungssystem
CECOCESOLAs insgesamt schreiben.
Bevor
ich auf den Kooperativendachverband CECOCESOLA eingehe möchte ich
zuerst etwas über die derzeitige Lage im Land berichten. Vor allem
um zu zeigen unter welchen Bedingungen hier weitergearbeitet wird,
während zwischen 3 und 4,5 Millionen Landsleute emigriert sind in
den letzten zwei Jahren. Angeblich machen 30% ihre Papiere fertig um
das Land zu verlassen. Bis die Reisepässe ausgestellt werden kann
das anderthalb Jahre dauern. Niemand weiß ob da eine
Regierungsstrategie hintersteckt oder z.B. ob die Chips importiert
werden müssen und nicht geliefert oder bezahlt werden können. Oder
alles zugleich. Ein wenig erinnert das an die Auswanderungsangst in
der frühen DDR vor dem Mauerbau.
Ökonomie
Die
Inflationsrate lag jetzt eine Weile bei ca. 3% täglich. Mittlerweile
sind die Dollars die ich mitnahm etwa 8 mal soviel Bolivares wert,
wie als ich ankam. Um einen Eindruck zu vermitteln was das konkret
bedeutet: Ein halbes Kilo Käse kostet einen CECOCESOLA Angestellten
mindestens 3 Tageslöhne. Wobei in CECOCESOLA nicht von Löhnen
gesprochen wird, sondern von „Anticipios“, d.h. dem
Vorschussanteil auf den zu erwartenden Gesamtgewinn. Diese werden zur
Zeit wöchentlich angepasst. Der Anticipio liegt derezeit etwa beim
vierfachen des Mindestlohnes im Land nach Angaben eines
Kooperativenmitglieds. D.h. jemand mit einem 10€ Stundenlohn in
Deutschland kann in einer Stunde soviel verdienen, wie ein
CECOCESOLAner in einem Monat.
Es
gab ein Umfrage in der 1,25 Millionen Stadt Barquesimeto in der ich
mich gerade befinde, in der die auf den Märkten von CECOCESOLA
einkaufenden angaben 90% ihres Einkommens dort zu lassen,
hauptsächlich in Lebensmitteln. Nach eigenen Berechnungen von
CECOCESOLA liegt ihr Marktanteil beim Gemüse bei etwa 35%. Das heißt
über 350.000 Menschen die in Barquesimeto bei CECOCESOLA einkaufen
geben 90% ihres Einkommens für Lebensmittel aus.
Das Benzin kostet
hier fast gar nix: Eine Tankfüllung kostet 5 Bolivares. Für einen
Dollar (etwa 90cent) bekommt man gerade ca. 6000 Bolivares. Man kann
also mittlerweile 1200 Tankfüllungen für 90 Eurocent machen. Ein
kg Gemüse auf den durchschnittlich 30% billigeren CECOCESOLA Märkten
kostet entweder 450, 900 oder 1200 Bolivares, je nach Zustand und
Sorte.
Die Kooperativisten
verdienen hier gerade etwa 1200 Bolivar am Tag. Manche Produkte sind
günstig, Trinkwasser aber z.B. können 25l locker 250 Bolivar
kosten. Viele haben also Filter an ihr Leitungswasser angeschlossen.
Immer häufiger kommt es zu Engpässen in der Gasversorgung in Form
von Gasflaschen. Auch Wasserknappheit wird zum Problem.
Eines der
Hauptnahrungsmittel sind arepas, die aus Maismehl gebacken werden.
Importgüter wie Haferflocken sind dagegen unbezahlbar: Ein Kilo
kostet mehrere Tageslöhne. Faustregel ist, dass alles was nicht aus
Venezuela kommt gar nicht mehr bezahlbar ist.
Alles diese Zahlen
sind morgen schon wieder überholt.
Politik
Venezuela
ist politisch gesehen nicht erst seit Hugo Chavez eine gespaltene
Gesellschaft. Ich will hier wirklich nur in aller Kürze die
Situation umreißen.
1999
bis zu seinem Tode 2013 versuchte Hugo Chavez als gewählter
Präsident das, was ihm als Putschist im Movimento Bolivariano
Revolucionario 200 Anfang der 80er Jahre nicht gelang: Ein
Umverteilung des Reichtums der Schlüsselindustrien durch deren
Verstaatlichung. Venezuela ist rohstofftechnisch eines der reichsten
Länder der Welt. Es gehört zu den erdölreichsten 5 Ländern und
ist auch reich an seltenen Erden und Metallen, wie z.B. Kobalt. Die
Faustregel des (neo)kolonialistischen Zeitalters trifft auch hier zu:
Je mehr Rohstoffe ein Land des globalen Südens besitzt, desto größer
die Gefahr der Armut und der Korruption für den Großteil der
Bevölkerung. Ich möchte hier an das 1971 erschienene Klassiker Buch
„las venas abiertas de America Latina“ des Uruguayers Eduardo
Galeano erinnern. Heute wird viel der Begriff des „extractivismo“
verwendet. Dieser umfasst das gesamte System der Erschließung des
globalen Südens zum schnelleren gewinnen und heraus transportieren
von Ressourcen.
Chavez
scheiterte Anfang der 90er Jahre mit einem Putschversuch, der ihn
allerdings berühmt und bei vielen beliebt machte. Nachdem er seine
Strafe abgesessen hatte wurde er 1999 zum Präsidenten gewählt. Er
berief sich auf das Erbe Simon Bolivars und kämpfte in diesem Geiste
für die Unabhängigkeit seines Landes und seines Kontinents von den
Kolonialmächten. Seine Maßnahmen dazu waren und sind extrem
umstritten. Seine Idee Basisorganisationen auf allen Ebenen zu
fördern konnte er mit den hohen Ölpreisen der 2000er Jahre
fördern. Vielerorts entstanden die auch teilweise noch bestehenden
consejos communales (kommunale Räte), sowie Kooperativen. Diese
wurden wohl auch oft ausgenutzt (Korruption von unten). Auch sein
autoritärer Regierungsstil und sein Umgang mit Oppositionellen,
sowie seine Verträge mit Dispoten standen in der Kritik. Bei aller
gerechtfertigter Kritik, muss natürlich auch auf das drohende
Gewaltpotential von außen hingewiesen werden, denn Venezuela ist der
Ölproduzent vor den Toren der USA. Die Verstaatlichung dieser
Industrien erzeugte viel Widerstand. Auf privaten Fernsehsendern
wurde offen zur Tötung des Präsidenten aufgerufen werden. Erst nach
Jahren wurde dies durch die nicht Verlängerung der Sendelizenzen
unterbunden. Kaum vorstellbar in Deutschland. Wieviel Minuten würde
es wohl dauern bis interveniert wird, wenn auf RTL durch die
Nachrichtensprecherin zur Tötung Merkels aufgerufen würde?
Sicher
ist, das der nur für wenige Stunden ins Amt geputschte Präsident
Pedro Carmona neben der Unterstützung durch einige hohe Offiziere,
sowie Teile der oberen Klasse, gute Kontakte in die USA hatte und
sogar ein paar Monate vorher im weißen Haus empfangen wurde. Chavez
Freilassung und seine Wiedereinsetzung zur Vollendung seiner Amtszeit
als Präsident wurde auch durch die anderthalb Millionen Menschen
erreicht, die vor dem Präsidentenpalast demonstrierten.
Erwähnt
werden muss auch, dass die bolivarianische Verfassung vielleicht die
in vielerlei Hinsicht fortschrittlichste ist, die es auf diesem
Planeten gibt. Sie wird nur wie so oft nicht mit Taten gefüllt.
Chavez‘
Erbe
Offensichtlich
ist aus heutiger Perspektive jedenfalls das desaströse Erbe seiner
ökonomischen Politik. Von manchen Venezuelanern mit denen ich sprach
wird ihm eine zu kurzfristig gedachte ökonomische Strategie
vorgeworfen und ein zu großer Idealismus ohne fachliche Kompetenz.
Zu wenig sei für die Unabhängigkeit vom Mineralöl getan worden
obwohl mit einem Sinken der Barrelpreise hätte gerechnet werden
müssen. Aber auch in diese Schlüsselindustrie selbst wurde zu wenig
investiert. Die Fördermengen sinken immer weiter, was natürlich
auch mit dem Abwandern von Fachkräften, den Ingenieuren, bzw. der
Intelligenz überhaupt zu tun hat.
Heute:
Maduro
Wurde
dem Regime unter Chavez schon Korruption vorgeworfen, so ist es mit
seinem Nachfolger Nicolás Maduro noch extremer. Seine populistische
Politik besteht unter anderem darin Erhöhungen des Mindestlohns
anzukündigen und Sonderzahlungen ausschütten zu lassen an Inhaber
des „carnet de la patria“ (Vaterlandsausweis). Dies führt jedes
mal direkt zu einem weiteren Ausufern der Inflation, da, wie jeder
hier weiß, die Geldscheine dafür gedruckt werden. Die Korruption
hat derartige Ausmaße angenommen, dass überall vom Raub durch die
politische Klasse geredet wird. Was das bedeutet konnte ich am
Beispiel einer Gemüseauslieferung mit einem Lastwagen miterleben.
Etwa alle 25 km wurden wir von Polizisten angehalten und bei der
Kontrolle der Frachtpapiere lag immer ein 50 Bolivarschein drin.
Die
Haltung der Bevölkerung zur nationalen Politik
Zusammengefasst
kann von einer nahezu völligen Apathie gesprochen werden. Ein
Einwirken auf die große Politik gibt es nicht. Nach einer Periode
der Begeisterung für und des Kampfes gegen Chavez scheint mir dies
wie eine Art ernüchterte Reaktion. Leider gibt es aus dieser Starre
heraus bei keiner der Menschen mit denen ich geredet habe eine Vision
von politischer Veränderung. Mensch wartet auf den Untergang, auf
einen Putsch, auf einen Heiland oder irgendein Wunder. Sich
durchwurschteln ob individuell, familiär oder anderweitig kollektiv
scheint in der Post-Chavez Ära die Grundhaltung zu sein.
Die Gasflasche wird auf das Rad montiert und bildet so ein Gegengewicht zum Brenner
Ein Geräteträger und ein Deutz.
die selbst gebaute Spindelhacke für den Zwischenachsanbaukann auseinander- und zusammengezogen werden je nachdem wieviel Reihen zu hacken sind
Die vorderen Hackkörper gehen etwa 3-4 cm in den Boden rein und treiben damit die hinteren an. Die Übersetzung in dem roten Kasten ist so, dass die Hackkörper hinten deutlich schneller rotieren. Erst wird also der Boden gelockert und dann das Unkraut raus gerissen. Ziel war eine nicht schmierende, sondern krümmelnde Hacktechnik.
der stark beharrte Eber….
…bewegte sich leider etwas fix fürs Foto. Die Schweine bekommen die Molke und Küchenabfälle
Mein erstes mal anmelken mit der Hand. Die Milch wird zu einem großen Teil zu Käse verarbeitet.
der kleine Elektro LKW.
Der Hühnermist mit auswaschungschutz
Unter dem Hühnermobil
zur Fahrt könen die Reifen weiter unten angebracht werden um genug Bodenfreihet für den Hänger zu erlangen
Das Rad in Parkstellung (kaum Bodenfreiheit)
Die organgene Röhre enthält das Wasser, der Tank kann mit Medizin befüllt werden.
Das Hühnermobil hat einige Sicherungen…
Christine hat noch eine Gitterseitentür eingebaut wegen besserer Durchlüftung
Hühner scharren um die Obstbäume herum und ersparen Düngung und teilweise auch das Baumscheibenhacken.
eine Trockenbadgarantie
Die Beschattung mit selbstgebauten schiebbaren untersatz
Die Eierklappe ist von draußen zu öffnen. Die Hühner können von drinnen hinein, bis sich vormittags die Eingänge automatisch verschließen. Die Eier liegen in Dinkelspälzen und können von außen entnommen werden. Das versinken der Eier verringert die Wahrscheinlichkeit einer Beschädigung durch die Hennen
Christine und ihr Mobil von der Seite
der Anzuchttunnel mit Mistfrühbeet
Blick auf Möhren und dahinter die Saatgutvermehrung
die Folientunnel sind per Kurbel seitlich zu öffnen
ein hydraulischer Widder pumpt Wasser in einen Tank mit der Kraft des fliessenden Wassers, völlig ohne weitere Energiezufuhr. Damit soll der Druck in dem Tank soweit erhört werden, dass die Sprenkler im Folientunnel laufen. Hier ein Video zur Erklärung der Funktionsweise: https://www.youtube.com/watch?v=HYciQ3p3K8M
Ich habe mich in den letzten Tagen viel über die Ereignisse und die Berichterstattung über die G20 Proteste geärgert (Wider besseren Wissens ihrer Funktionalität zugegeben…). Angefangen bei der Polizeistrategie eine gewaltige aber friedliche Demonstration anzugreifen und sie mit Wasserwerfern allesamt in den Vierteln zu verteilen und ihnen zu demonstrieren das friedlicher Protest nicht stattfinden kann, bis zu den konterrevolutionären Aktionen die kein Linker gutheißen kann: Kleinwagen wurden angezündet, während ein Mercedes unversehrt daneben steht (nicht das ich das anzünden von teuren Autos mit zu vermutender Vollkasko sinnvoll finde), Kleine Geschäfte entglast, während daneben eine Bank unversehrt steht und Leute, die geschlagen wurden für das Verteidigen ihres Viertels vor konterrevolutionärem Vandalismus. Ortsansässige Geschäftsleute, die selber darunter gelitten haben, haben ein schönes Statement verbreitet. Weiter unten habe ich es in diesen Blogbeitrag eingefügt. Dem habe ich lediglich hinzuzufügen, dass ich nicht an eine reine Bespaßungs- und Wutrauslassungsaktion eines bunten(!) Mobs glaube, sondern dass bezahlte Agenten gezielt kleine Läden und kleine Autos zerstört haben. Ich glaube auch nicht an die öffentlichen Stellungnahmen des Gewaltmonopols es wäre zu sehr mit dem Schützen der Veranstaltung beschäftigt gewesen um im Schanzenviertel einzuschreiten. Das ist mir bei 20.000 Beamten nicht glaubhaft vermittelbar selbst wenn diese auch Pausen brauchen. Ich glaube vielmehr, dass – wie vielerorts beschrieben – über mehrere Tage Druck gemacht wurde auf die Menschen in Hamburg (nicht nur die Demonstranten), und dann bewusst das Schanzenviertel sich selbst überlassen wurde. Ich hoffe wir verlernen nie die Frage zu stellen: wem dient es?
Wem dient die Nicht-Distanzierung der inteverntionistischen Linken von den dämlichen Anschlägen auf die Deutsche Bahn? Sie diente weder der Blockade oder Sabotage irgendwelcher gipfel-relevanter Infrastruktur noch der Sympathischöpfung bei den Leid tragenden Fahrgästen. Also weg mit dem Distanzierungstabu innerhalb der autonomen Linken bei hirnverbrannten militanten Aktionen!
Terrorabwehr? Nicht da wo sie nötig is!
Ich hatte (glaube ich in der Samstagsausgabe der TAZ vom 8.7., leider ist das Archiv gerade nicht verfügbar gewesen) einen Bericht von einer TAZ Journalistin gelesen, die mit ihrer Kollegin durch die Kontrollen durch ist und nur ihren Journalismus Ausweis kurz hoch gehalten hat. So stand sie mit ihrer Kollegin nach kurzer Zeit mit völlig unkontrollierten Taschen direkt am Empfang des G20. Mit einem simplen Remake eines Journalisten Ausweises hätten sie z.B. Trump mit in die Luft sprengen können. Dies hat sie dem dortigen Einsatzleiter ungläubig mitgeteilt, da sie keinen Bock auf weitere Einschränkungen der Bürgerrechte und sonstige Konsequenzen eines solchen Anschlags hat. Dieser, anscheinend ebenso verwirrt, lief dann mit der Journalistin zu dem entsprechenden „Kontrollbeamten“. Dieser sagte er sei nicht mit der Kontrolle beauftragt worden. Es war also beim G20 in diesem Moment niemand zuständig für die Kontrolle der Leute, die direkt bis an die Herrschenden ran kamen. Ist sowas die gewaltigste Panne der Sicherheitsorgane überhaupt, oder gibt es dabei ein Kalkühl? Wem dient es?
+++ STELLUNGNAHME ZU DEN EREIGNISSEN VOM WOCHENENDE +++
Wir, einige Geschäfts- und Gewerbetreibende des Hamburger
Schanzenviertels, sehen uns genötigt, in Anbetracht der
Berichterstattung und des öffentlichen Diskurses, unsere Sicht der
Ereignisse zu den Ausschreitungen im Zuge des G20-Gipfels zu schildern.
In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 2017 tobte eine Menge für Stunden
auf der Straße, plünderte einige Läden, bei vielen anderen gingen die
Scheiben zu Bruch, es wurden brennende Barrikaden errichtet und mit der
Polizei gerungen.
Uns fällt es in Anbetracht der Wahllosigkeit der Zerstörung schwer,
darin die Artikulation einer politischen Überzeugung zu erkennen, noch
viel weniger die Idee einer neuen, besseren Welt.
Wir beobachteten das Geschehen leicht verängstigt und skeptisch vor Ort
und aus unseren Fenstern in den Straßen unseres Viertels.
Aber die Komplexität der Dynamik, die sich in dieser Nacht hier Bahn
gebrochen hat, sehen wir weder in den Medien noch bei der Polizei oder
im öffentlichen Diskurs angemessen reflektiert.
Ja, wir haben direkt gesehen, wie Scheiben zerbarsten, Parkautomaten
herausgerissen, Bankautomaten zerschlagen, Straßenschilder abgebrochen
und das Pflaster aufgerissen wurde.
Wir haben aber auch gesehen, wie viele Tage in Folge völlig
unverhältnismäßig bei jeder Kleinigkeit der Wasserwerfer zum Einsatz
kam. Wie Menschen von uniformierten und behelmten Beamten ohne Grund
geschubst oder auch vom Fahrrad geschlagen wurden.
Tagelang.
Dies darf bei der Berücksichtigung der Ereignisse nicht unter den
Teppich gekehrt werden.
Zum Höhepunkt dieser Auseinandersetzung soll in der Nacht von Freitag
und Samstag nun ein „Schwarzer Block“ in unserem Stadtteil gewütet haben.
Dies können wir aus eigener Beobachtung nicht bestätigen, die außerhalb
der direkten Konfrontation mit der Polizei nun von der Presse beklagten
Schäden sind nur zu einem kleinen Teil auf diese Menschen zurückzuführen.
Der weit größere Teil waren erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure
und Partyvolk, denen wir eher auf dem Schlagermove, beim Fußballspiel
oder Bushido-Konzert über den Weg laufen würden als auf einer
linksradikalen Demo.
Es waren betrunkene junge Männer, die wir auf dem Baugerüst sahen, die
mit Flaschen warfen – hierbei von einem geplanten „Hinterhalt“ und
Bedrohung für Leib und Leben der Beamten zu sprechen, ist für uns nicht
nachvollziehbar.
Überwiegend diese Leute waren es auch, die – nachdem die Scheiben
eingeschlagen waren – in die Geschäfte einstiegen und beladen mit
Diebesgut das Weite suchten.
Die besoffen in einem Akt sportlicher Selbstüberschätzung mit nacktem
Oberkörper aus 50 Metern Entfernung Flaschen auf Wasserwerfer warfen,
die zwischen anderen Menschen herniedergingen, während Herumstehende mit
Bier in der Hand sie anfeuerten und Handyvideos machten.
Es war eher die Mischung aus Wut auf die Polizei, Enthemmung durch
Alkohol, der Frust über die eigene Existenz und die Gier nach Spektakel
– durch alle anwesenden Personengruppen hindurch –, die sich hier Bahn
brach.
Das war kein linker Protest gegen den G20-Gipfel. Hier von linken
AktivistInnen zu sprechen wäre verkürzt und falsch.
Wir haben neben all der Gewalt und Zerstörung an dem Tag viele
Situationen gesehen, in denen offenbar gut organisierte, schwarz
gekleidete Vermummte teilweise gemeinsam mit Anwohnern eingeschritten
sind, um andere davon abzuhalten, kleine, inhabergeführte Läden
anzugehen. Die anderen Vermummten die Eisenstangen aus der Hand nahmen,
die Nachbarn halfen, ihre Fahrräder in Sicherheit zu bringen und
sinnlosen Flaschenbewurf entschieden unterbanden. Die auch ein Feuer
löschten, als im verwüsteten und geplünderten „Flying Tiger Copenhagen“
Jugendliche versuchten, mit Leuchtspurmunition einen Brand zu legen,
obwohl das Haus bewohnt ist.
Es liegt nicht an uns zu bestimmen, was hier falsch gelaufen ist, welche
Aktion zu welcher Reaktion geführt hat.
Was wir aber sagen können: Wir leben und arbeiten hier, bekommen seit
vielen Wochen mit, wie das „Schaufenster moderner Polizeiarbeit“ ein
Klima der Ohnmacht, Angst und daraus resultierender Wut erzeugt.
Dass diese nachvollziehbare Wut sich am Wochenende nun wahllos, blind
und stumpf auf diese Art und Weise artikulierte, bedauern wir sehr. Es
lässt uns auch heute noch vollkommen erschüttert zurück.
Dennoch sehen wir den Ursprung dieser Wut in der verfehlten Politik des
Rot-Grünen Senats, der sich nach Außen im Blitzlichtgewitter der
internationalen Presse sonnen möchte, nach Innen aber vollkommen
weggetaucht ist und einer hochmilitarisierten Polizei das komplette
Management dieses Großereignisses auf allen Ebenen überlassen hat.
Dieser Senat hat der Polizei eine „Carte Blanche“ ausgestellt – aber
dass die im Rahmen eines solchen Gipfels mitten in einer Millionenstadt
entstehenden Probleme, Fragen und sozialen Implikationen nicht nur mit
polizeitaktischen und repressiven Mitteln beantwortet werden können,
scheint im besoffenen Taumel der quasi monarchischen Inszenierung von
Macht und Glamour vollkommen unter den Tisch gefallen zu sein.
Dass einem dies um die Ohren fliegen muss, wäre mit einem Mindestmaß an
politischem Weitblick absehbar gewesen.
Wenn Olaf Scholz jetzt von einer inakzeptablen „Verrohung“, der wir „uns
alle entgegenstellen müssen“, spricht, können wir dem nur beizupflichten.
Dass die Verrohung aber auch die Konsequenz einer Gesellschaft ist, in
der jeglicher abweichende politische Ausdruck pauschal kriminalisiert
und mit Sondergesetzen und militarisierten Einheiten polizeilich
bekämpft wird, darf dabei nicht unberücksichtigt bleiben.
Aber bei all der Erschütterung über die Ereignisse vom Wochenende muss
auch gesagt werden:
Es sind zwar apokalyptische, dunkle, rußgeschwärzte Bilder aus unserem
Viertel, die um die Welt gingen.
Von der Realität eines Bürgerkriegs waren wir aber weit entfernt.
Anstatt weiter an der Hysterieschraube zu drehen sollte jetzt
Besonnenheit und Reflexion Einzug in die Diskussion halten.
Die Straße steht immer noch, ab Montag öffneten die meisten Geschäfte
ganz regulär, der Schaden an Personen hält sich in Grenzen.
Wir hatten als Anwohner mehr Angst vor den mit Maschinengewehren auf
unsere Nachbarn zielenden bewaffneten Spezialeinheiten als vor den
alkoholisierten Halbstarken, die sich gestern hier ausgetobt haben.
Die sind dumm, lästig und schlagen hier Scheiben ein, erschießen dich
aber im Zweifelsfall nicht.
Der für die Meisten von uns Gewerbetreibende weit größere Schaden
entsteht durch die Landflucht unserer Kunden, die keine Lust auf die
vielen Eingriffe und Einschränkungen durch den Gipfel hatten – durch die
Lieferanten, die uns seit vergangenem Dienstag nicht mehr beliefern
konnten, durch das Ausbleiben unserer Gäste.
An den damit einhergehenden Umsatzeinbußen werden wir noch sehr lange zu
knapsen haben.
Wir leben seit vielen Jahren in friedlicher, oft auch
freundschaftlich-solidarischer Nachbarschaft mit allen Formen des
Protestes, die hier im Viertel beheimatet sind, wozu für uns
selbstverständlich und nicht-verhandelbar auch die Rote Flora gehört.
Daran wird auch dieses Wochenende rein gar nichts ändern.
In dem Wissen, dass dieses überflüssige Spektakel nun vorbei ist, hoffen
wir, dass die Polizei ein maßvolles Verhältnis zur Demokratie und den in
ihr lebenden Menschen findet, dass wir alle nach Wochen und Monaten der
Hysterie und der Einschränkungen zur Ruhe kommen und unseren Alltag mit
all den großen und kleinen Widersprüchen wieder gemeinsam angehen können.
Einige Geschäftstreibende aus dem Schanzenviertel
BISTRO CARMAGNOLE
CANTINA POPULAR
DIE DRUCKEREI – SPIELZEUGLADEN SCHANZENVIERTEL
ZARDOZ SCHALLPLATTEN
EIS SCHMIDT
JIM BURRITO’S
TIP TOP KIOSK
JEWELBERRY
SPIELPLATZ BASCHU e.V.
MONO CONCEPT STORE
BLUME 1000 & EINE ART
JUNGBLUTH PIERCING & TATTOO
SCHMITT FOXY FOOD
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