Trujillo – Die Kooperative Estiguates

(ich kann leider von hier aus keine Bilder hochladen, vermutlich wegen der lahmen Verbindung, die kommen dann später dazu)

Die Kooperative befindet sich in den Anden von Trujillo. Die verstreuten Häuser schmiegen sich an die steilen Hänge. Ich komme bei einer Familie unter. Die Häuser haben keine Heizungen, kochen mit Gas und sind mit dem Stromnetz verbunden. Die Flächen sind auf die Familien aufgeteilt. So gibt es strukturell klare Zuständigkeiten. Bei größeren Arbeitseinsätzen wird punktuell kooperiert.

Die Vermarktung läuft ausschließlich über die CECOCESOLA Märkte. Es gibt auch Kulturen, die nur zum Eigenverbrauch angebaut werden, wie z.B. Weizen und Mais. Daneben gibt es auch Nutztiere in geringem Ausmaß, die ebenfalls der Selbstversorgung dienen und auch etwas von dem Mais bekommen. Vollkornmaisfladen (Arepas), kleine dunkle Bohnen (Karaote), Milch, Eier, Kartoffeln, Zwiebeln und Möhren sind das täglich Brot. Es gibt zwar nicht mehr den Wohlstand wie noch vor 4 Jahren, aber durch die Abnahmegarantie der Märkte kann alles verkauft werden. Das Arbeitspensum hat sich allerdings stark erhöht. Dies liegt jedoch weniger an der ökonomischen Situation, sondern an dem gestiegenen Schädlings- und Krankheitsdruck. Vor allem bei Kartoffeln und Möhren hat sich das Verhältnis zwischen Ertrag und Arbeitsaufwand fast halbiert. In einigen Flurstücken ist die Fruchtfolge extrem eng und der Nematodendruck daher sehr hoch. Gründüngungskonzepte gibt es nicht. Das höchste der Gefühle ist eine kurzzeitige Brache.

Es wird gedüngt mit den aus den Hühnserställen ausgemisteten Reisschalen. Sie werden vermehrt auf dem oberen Teil der Äcker ausgebracht und mit Wasser ein gespült und dann eingearbeitet. Der Hühnermist wird auf dem Rückweg vom Markt in Barquesimeto dort gekauft und aufgeladen. Mit solch einer Fuhre kam auch ich hier an. Mit dem schwer beladenen LKW in den Bergen dauert diese Fahrt mit Pause 10 Stunden. Auf dem Weg gibt es so an die 15 polizeiliche Sperrungen. Bei fast jeder sind 50 Bolivares Schmiergeld fällig. Auf die Strecke gerechnet sind das zwischen ein und zwei Mindestlohn Tagessätzen. Manchmal sind auch ein paar Zwiebeln fällig…

Sozioökonomische Struktur – „relative Autonomie“ und organisationales Lernen

Die Kooperation der Produzenten besteht auf verschiedenen Ebenen. Zum einen gibt es Leute mit mehr Grundbesitz, die ihre Parzellen teilweise mit anderen Familien bearbeiten. Wird von einer Familie mehr Arbeit geleistet erhöht sich der Investitionseinsatz des Koproduzenten um die Differenz der hinein gesteckten Arbeitskraft. So kann auch der Gewinn zu gleichen Teilen aufgeteilt werden.

Zum anderen ist es so, dass alle Produkte zu einer gemeinsam finanzierten Lagerhalle transportiert werden. Dies geschieht mit drei kleinen LKWs mit etwa 3t Ladekapazität. In der Lagerhalle steht ein großer Lastwagen der wöchentlich das Gemüse zu den CECOCESOLA Markthallen fährt. Dessen Kauf vor 25 Jahren stellt in gewisser Weise die ökonomisch gesehen wichtigste gemeinsame Anfangsinvestition der Kooperative dar. Der Truck bildet das Herzstück der gemeinsamen Distribution und verhilft allen nicht nur zu Ersparnissen, sondern schafft auch eine gegenseitige materielle Abhängigkeit. Ein entscheidender Faktor langfristig stabiler Kooperation. Die einzelnen Produzenten zahlen für jede LKW Nutzung eine Sackpauschale. Diese ermöglicht die Instandhaltung der Fahrzeuge. Der große LKW wird nur von einem der Produzenten gefahren und die kleinen LKWs nur von drei verschiedenen Leuten. Dies soll den Verschleiß minimal halten, da jeder Fahrer so eine größere Übersicht über das Fahrzeug hat und z.B. welche Wartungen anstehen.

Auch ein Versammlungshaus hat die Kooperative finanziert. All dies ist Eigentum der Kooperative. Für jedes Projekt gibt es Parzellen die ihm gewidmet werden. Also z.B. eine Parzelle für einen Gesundheitsfonds. Diese werden jeweils von einem der Produzenten bewirtschaftet. 50% des Gewinns gehen an den Produzenten und die anderen 50% gehen an den Fonds. So ist nicht nur eine gewisse Eigenmotivation mit eingebaut ein gutes Ergebnis zu erzielen, sondern auch eine kleine ökonomische Entschädigung, die das weitere „relativ autonome“ Funktionieren der ökonomischen Kleinsteinheiten stützt. Aufgrund der rasanten Inflation ist enorm viel Flexibilität und Phantasie erforderlich. Da sparen nicht möglich ist werden z.B. Gelder aus dem Gesundheitsfonds in Maschinenöl investiert. Entweder kann dies bei Bedarf verkauft werden, oder in einem Krankheitsfall wird Geld aus dem Fahrzeugfonds abgezogen in dem zu dem Zeitpunkt gerade Geld ist. Auch der Kauf von Samen führt zu ähnlichen phantasievollen Lösungen. Da der Wert von Möhrensaamen von letzter auf diese Woche sich mehr als verdoppelt hat, wird der nächste Samenkauf von anderen Produktoren mit vorfinanziert. Die Gewinne der erst einmal klar von einander getrennten Kleinsteinheiten der Kooperative verschmelzen hier durch Kommunikation zu einer gemeinsamen Verfügungsmasse. So kann der Verlust durch die Inflation im Sinne aller verringert werden. Auf dem Treffen von Produktoren und den Companeros der CECOCESOLA Märkte am Donnerstag (17.1.2019) wurde dieses Modell den anderen Kooperativen nahegelegt. Auch dies ist wieder ein Beispiel für die Funktionalität der „vorläufigen“ Aufteilung von Verantwortung und Entscheidungsmacht auf kleinere Einheiten. Vorläufig, da wie oben geschildert über notwendige Unterstützungsmaßnahmen gesprochen werden kann. Funktionalität besteht in der Hinsicht, dass die Ergebnisse des flexiblen Experimentierens und das damit verbundene Erfahrungslernen der einzelnen Organisationsteile, über den Weg der kollektiven Reflexion auf derartigen Versammlungen, zur Verfügung gestellt werden. Genau genommen ensteht Erfahrung erst durch Reflexion. Erfolgreiches organisationales Lernen ist in der Struktur angelegt. Das heißt natürlich nicht, dass alles was in einer Kooperative sich bewährt hat widerstandslos übertragen wird oder übertragen werden kann.

Entsteht ein neues Bedürfnis in der Kooperative wird eine neue Parzelle ihm gewidmet, oder eine „alte“ Soliparzelle wird umgewidmet durch die veränderte Prioritätensetzung.

Infrastrukturelle Aufgaben wie das Instandhalten der Bewässerung und das Freihalten der Wege, sowie deren Instandsetzung sind auf Arbeitsgruppen verteilt. Jeder Kooperativist gehört einer dieser Gruppen an. Rotationsprinzipien fehlen auch hier nicht.

Das Kernstück der Organisation vor Ort ist die wöchentliche Versammlung am Montag Abend. Sie geht von 16 Uhr bis 20 Uhr. Bei Bedarf werden jedoch auch weitere Versammlungen anberaumt. z.B. durfte ich an einem Dienstag von 17-20 Uhr die solidarische Landwirtschaft der Roten Beete, vom Anbau zur Organisation, sowie mein Forschungsinteresse vorstellen. Ich werde hier nochmal etwas zum Versammlungssystem CECOCESOLAs insgesamt schreiben.

Ein Kommentar zu „Trujillo – Die Kooperative Estiguates

  1. sehr schön, sachliche und bildliche „feld“forschung. geissler würde trockene freudentränen weinen. gerne auch noch mehr vom karlschen witz. gruß aus berlin 😉

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